Krause und Pachernegg
Verlag für Medizin und Wirtschaft
Mobile Version
A-  |   A  |   A+
Werbung
 
Mistelkraut
Mistelkraut

Vollbildansicht

Wirkungen:
immunstimulierend, -modulierend
zytostatisch

Indikationen:
Gelenkserkrankungen, degenerative
Tumorbehandlung

Inhaltsstoffe:
Lektine
Peptide

Lateinische Bezeichnung(en):
Viscum album L.

Stammpflanze:
Viscum album L. (Viscaceae)

Inhaltsstoffe:
Lektine: Glykoproteine mit etwa 11 % Kohlenhydratanteil, eingeteilt nach ihrer Affinität zu D-Galaktose- oder/und N-Acetyl-galactosamin-Resten. Die Mistellektine I, II und III (Abkürzung ML I, ML II, ML III, neuere Bezeichnung VAA-I für Viscum album Agglutinin I) sind Gemische von Isolektinen. Das monomere Mistellektin I konnte in 25 Isolektine, das Gemisch von Mistellektin II und III in 15 Isolektine zerlegt werden.
Viscotoxine: 0,05-0,1 %, aus 46 Aminosäuren aufgebaute Polypeptide: Viscotoxin A2, Viscotoxin A3, Viscotoxin B. Sie sind aufgrund des Vorhandenseins von 3 Disulfidbrücken im Molekül sehr dicht gepackt und gegenüber proteolytischen Enzymen und Erhitzen sehr widerstandsfähig. Ihr hoher Gehalt an L-Arginin und L-Lysin verursacht einen hohen isoelektrischen Punkt bei pH 10,7, der sie befähigt, histonähnlich mit DNA in Wechselwirkung zu treten. Der amphiphile Charakter ist für die destruktive Wirkung an Membranen verantwortlich und somit an ihrer cytotoxischen Wirkung beteiligt.
Weitere Inhaltsstoffe: Viscumsäure (nur in den Früchten), Viscumprotein (komplexe Fraktion aus mindestens 10 Einzelproteinen mit einem Molekulargewicht zwischen 14 000 und 125 000. Die drei Hauptkomponenten, die über 60 % des Gesamtkomplexes ausmachen, liegen im Molekularbereich von 20.000 und zählen zu den basischen Proteinen), Polysaccharide, Cyclitole (Mannitol, myo-Inositol u. a.).

Verwendeter Pflanzenteil:
Kraut und Stengelspitzen (Herba Visci).
Getrocknet: In Mono- und Kombinationspräparaten, die zur peroralen Anwendung dienen, sind wäßrige und ethanolische Auszüge aus der Droge enthalten.
Frisch: Fertigarzneimittel zur parenteralen Anwendung werden aus frischem Mistelkraut (teilweise fermentiert) hergestellt.

Therapeutisch relevante Wirkungen:
Immunstimulierende Wirkung: Nach intrakutaner Injektion von Viscotoxinen kommt es am Injektionsort zu Entzündungen, je nach Dosis von Quaddelbildung bis Nekrose. Die unspezifische Entzündung hat eine Aktivierung der zellulären Immunabwehr (insbesondere die Aktivierung von Makrophagen) zur Folge.
Viscumsäure (Polysaccharidfraktion) stimuliert nach einer initialen Hemmphase die Pinozytoseaktivität von Makrophagen, vergleichbar der Zweiphasen-Wirkung von LPS (Lipopolysaccharid) und Carrageenan. Mistellektine führen ebenfalls in geringen, nicht cytotoxischen Dosen, bei parenteraler Anwendung zu einer Immunstimulierung. In vitro weisen Mistelauszüge einen proliferationsfördernden, chemokinetischen und chemotaktischen Einfluß auf isolierte Lymphocyten auf und fördern die Aktivität der Killerzellen (NK-Zellen) gegenüber Tumorzellen. Die Freisetzung von Lymphokinen, Interferonen und Tumornekrosefaktoren wird in vitro und in vivo stimuliert. In vivo wird die Antikörperbildung nach Antigengabe gefördert, die zellvermittelte Immunität nimmt zu und eine lang anhaltende Vergrößerung von Milz und Thymusdrüse tritt auf. Die Hämatopoiese und die Regeneration des durch Gammabestrahlung geschädigten Knochenmarks wird beschleunigt. Misteltherapie hebt postoperativ den Immunzellspiegel im Blut über den präoperativen Stand, der Höchststand wird nach 3 Monaten Therapie erreicht. Allerdings konnte keine Korrelation zwischen dem Lektingehalt handelsüblicher Präparate und biologischer Effekte wie der Zytokinproduktion oder der Induktion der Apoptose in Leukocyten festgestellt werden.
Cytotoxische Wirkung: Mistellektine inhibieren die ribosomale Proteinsynthese, Viscotoxine wirken über eine Beeinflussung von Membranfunktionen cytotoxisch.

Weitere Wirkungen:
Blutdrucksenkende Wirkung: Bisher konnte noch keine der aus der Mistel isolierten Verbindungen der immer wieder beschriebenen, aber nicht bewiesenen blutdrucksenkenden Wirkung von Mistelauszügen zugeordnet werden.
Für die Anwendung von Misteltee als einer unterstützenden Maßnahme bei Bluthochdruck gibt es daher keine echte Begründung, obwohl zahlreiche Untersuchungen mit dem Ziel durchgeführt wurden, eine antihypertone Wirkung nachzuweisen. Die Ergebnisse bei Tierversuchen sind recht widersprüchlich und lassen keine Übertragung auf die Humanmedizin zu. Zwar erwiesen sich die isolierten Viscotoxine bei parenteraler Gabe als hypotensiv wirksam, als Wirkprinzip kommen sie jedoch nicht in Betracht, da sie oral nicht resorbiert werden.
Beurteilung:
Die Mistel wurde von der anthroposophischen Medizin aufgrund geisteswissenschaftlicher Überlegungen in die Krebstherapie eingeführt. Aus Sicht der Anthroposophen ist alleine die Wesensverwandtschaft der Mistel mit dem Tumor für eine mögliche Wirksamkeit maßgeblich. Aus dem Blickwinkel der Phytotherapie hingegen erscheint eine Normierung der Präparate auf einen definierten Gehalt an Mistellektinen für eine rationale Therapie notwendig. Bei der Auswahl von Präparaten ist daher darauf zu achten, ob eine Zulassung als Präparat der anthroposophischen Therapierichtung oder als Phytopharmakon erteilt wurde.
In niedriger, nichttoxischer Dosierung dominiert die immunstimulierende Wirkung der Mistellektine, aus der nicht auf eine Hemmung des Tumorwachstums geschlossen werden darf. Erst in höheren Konzentrationen, die bereits deutliche unerwünschte Wirkungen hervorrufen, zerstören Lektine und Viscotoxine Zellen. Befürworter der Misteltherapie führen positive Effekte wie z. B. die gesteigerte Lebensqualität der Tumorpatienten, verbesserte immunologische Reaktivität und zahlreiche Erfolge in klinischen Studien ins Treffen, während Kritiker die Interpretation der klinischen Ergebnisse aufgrund von Mängeln im Studiendesign (z. B. fehlende Randomisierung) in Frage stellen. Die Diskussion über den Einsatz von Mistelpräparaten bei Tumoren ist weiter im Gang.

Unerwünschte Wirkungen:
Lektine und Viscotoxine sind nach parenteraler Applikation extrem giftig. Die akute Toxizität ist möglicherweise nicht nur auf die direkte Cytotoxizität der Lektine und Viscotoxine, sondern auch auf die provozierte Ausschüttung von Mediatoren des Immunsystems zurückzuführen.
Bei p.o. Gabe des Krautes bzw. Tees traten keine Vergiftungserscheinungen auf.

Indikationen:
Wissenschaftlich belegt:
Degenerativ-entzündliche Gelenkserkrankungen (durch Auslösung kutivisceraler Reflexe nach Setzen lokaler Entzündungen durch intrakutane Injektionen); Palliativtherapie im Sinne einer unspezifischen Reiztherapie bei malignen Tumoren.
Erfahrungsmedizin:
Peroral: arterieller Bluthochdruck, Schwindelgefühl, Arteriosklerose.

Es gibt keine Beweise dafür, daß die perorale Misteltherapie - von möglicherweise ephemeren Placeboeffekten abgesehen - auf Dauer nützlich ist. Deshalb ist die Anwendung von Misteltee als Krebsmittel oder als blutdruckregulierendes Mittel aus heutiger Sicht nicht zielführend.

Empfohlene Dosierung:
Autoren, die die immunstimulierende Wirkung der Mistelwirkstoffe zum Maßstab der Antitumorwirksamkeit machen, geben ein Dosierungsoptimum von 1 ng Mistellektin I/kg KG an. Bei Unter- oder Überdosierung soll die immunstimulierende Wirkung ausbleiben.
Die Wahl des Therapieschemas und die Dosierung der Fertigarzneimittel erfolgen entsprechend den Anweisungen der Hersteller.

 
copyright © 2003–2017 Krause & Pachernegg GmbH | Sitemap | Impressum
 
Werbung