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Fürnsinn C  
Die moderne Adipositasepidemie vor dem Hintergrund physiologischer Regulation und biologischer Evolution

Journal für Klinische Endokrinologie und Stoffwechsel - Austrian Journal of Clinical Endocrinology and Metabolism 2015; 8 (4): 101-105

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Keywords: AdipositasAppetitEndokrinologieEvolutionStoffwechselset point

Die wohlstandsassoziierte Zunahme von Übergewicht und Adipositas ist eine große medizinische und gesundheitspolitische Herausforderung, doch ihre Ursachen sind noch kaum verstanden. Die etablierte Interpretation, weniger Notwendigkeit für körperliche Arbeit bei hoher Verfügbarkeit von Nahrung würde notwendigerweise zu einer positiven Kalorienbilanz führen, scheint viel zu kurz zu greifen. Der Nachweis einer starken genetischen Determination der Adipositas macht es nötig, das tradierte Bild von Hedonismus und Willensschwäche des Adipösen durch eine Suche nach physiologisch-vegetativen Mechanismen, die eine übermäßige Fettspeicherung verursachen, zu ersetzen. So gibt es heute klare Evidenz für Regelkreise, die über die Modulation von Appetit und Kalorienverbrauch die Fettreserven des Körpers gezielt auf einen Sollwert justieren. Damit lautet die treffende Fragestellung womöglich: Welche Aspekte der modernen Lebensbedingungen führen denn zu einer Erhöhung dieses Sollwerts, des so genannten „set point“? Obwohl wir von einer klaren Beantwortung dieser Frage weit entfernt sind, gibt es Hinweise aus Kulturvergleichen und Beobachtungen an Tieren, dass insbesondere die Zusammensetzung und Qualität der industriellen Nahrungsmittel großen Einfluss auf die Regulation, also den physiologisch angestrebten Zielwert, von Fettmasse und Körpergewicht haben. Wenn dem so ist, so lautet die nächste Frage: Wieso hat die Evolution Regulationsmechanismen hervorgebracht, die unter den gegebenen Umständen die Entwicklung einer augenscheinlich mit Nachteilen behafteten Adipositas bedingen? Dazu wurden schon einige Hypothesen präsentiert, doch wie hier diskutiert wird, kann jede dieser Ideen bei näherer Betrachtung so manche Frage nicht zufriedenstellend beantworten. Dies mag daran liegen, dass die Entwicklung einer physiologischen Reaktion auf Überfluss und Nahrungsqualität des Industriezeitalters mangels prähistorischer Perioden mit vergleichbaren Lebensumständen nicht möglich war. Demgemäß wäre die moderne Entgleisung des „set point“ als Zufallsereignis zu verstehen und die Versuche, sie durch sinnvolle Regulationsmechanismen zu erklären, wären müßig.
 
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