Echokardiographie aktuell: Lyseversagen bei ST-Hebungsinfarkt?
Journal für Kardiologie - Austrian Journal of Cardiology 2007; 14 (1-2): 45-47
Volltext (PDF) Fallbeschreibung Abbildungen mit Filmsequenzen
Keywords: Echokardiographie, Fallbericht, Lyse, ST-Hebungs-Myokardinfarkt
Vorgeschichte
Ein 70jĂ€hriger Patient wurde primĂ€r im lokalen Krankenhaus mit akutem Thoraxschmerz und Dyspnoe aufgenommen. Zur AbklĂ€rung einer erhöhten Thrombozytenzahl war er 2 Wochen vorher kurz an der gleichen Abteilung, die diesbezĂŒgliche AbklĂ€rung war noch nicht abgeschlossen. Das aktuelle EKG zeigte eine Sinustachykardie von 120/Min., rechtsschenkelblock, SI QIII-Typ und massive ST-Streckenhebungen in V1âV4 (5) sowie in den inferioren Ableitungen (Abb. 1). Diese VerĂ€nderungen waren im Vergleichs-EKG 2 Wochen zuvor noch nicht vorhanden (Abb. 2). Es wurde ein akuter ST-Hebungsinfarkt der Vorderwand diagnostiziert und eine systemische Lysetherapie mit Metalyse durchgefĂŒhrt. 90 Minuten nach Beginn der Lysetherapie zeigten das EKG und das klinische Bild keine signifikante Ănderung, weswegen der Patient zur akuten Revaskularisation an unsere Abteilung transferiert wurde. Klinisch war der Patient zum Zeitpunkt der Ăbernahme immer noch deutlich dyspnoeisch, unruhig und zyanotisch, er klagte weiterhin ĂŒber mĂ€Ăig stark ausgeprĂ€gten retrosternalen Schmerz. Das EKG zeigte eine doch deutliche RĂŒckbildungstendenz der beschriebenen VerĂ€nderungen (Abb. 3).
Differentialdiagnosen
Anhand von Klinik und EKG wurden nun 3 Differentialdiagnosen diskutiert: Vorderwandinfarkt bei VerschluĂ eines weit ĂŒber die Herzspitze nach inferior reichenden LAD (Hebungen prĂ€kordial, weniger ausgeprĂ€gt inferior); inferiorer Infarkt mit Beteiligung des rechten Herzens entsprechend einem proximalen VerschluĂ der rechten Kranzarterie (Hebung inferior, ST-Hebungen prĂ€kordial als Ausdruck der Beteiligung des rechten Ventrikels) und akute Pulmonalembolie. Anstatt der primĂ€r geplanten sofortigen Koronarangiographie und Akutintervention wurde eine Echokardiographie durchgefĂŒhrt. Bei stark reduzierten Schallbedingungen aufgrund der Dyspnoe konnte doch ein klarer Befund erhoben werden:Der linke Ventrikel war gut kontraktil, ohne regionale Wandbewegungsstörungen, die linksseitigen Klappen morphologisch und funktionell in Ordnung. Der rechte Ventrikel war deutlich dilatiert und diffus schlecht kontraktil (Abb. 4, 5). Das interventrikulĂ€re Septum war etwas abgeplattet bzw. nach links gedrĂ€ngt. Es bestand eine mĂ€Ăig schwere Trikuspidalinsuffizienz mit einer Geschwindigkeit von knapp 3 m/sek. (Abb. 6). Bei nicht gestauten Lebervenen errechnete sich somit ein systolischer Pulmonalarteriendruck von etwa 45 mmHg.
Bei der Fragestellung âakute Lungenembolieâ streben wir immer den direkten Thrombus- bzw. Embolusnachweis an: Oft findet man bei akuter Pulmonalembolie einen Embolus im Bereich des rechten Vorhofs oder Ventrikels, seltener in den einsehbaren Anteilen des pulmonalarteriellen Systems. Im Falle unseres Patienten fand sich ein flottierender Thrombus in der linken Vena superficialis (Abb. 7, 8). Ein direkter Thrombusnachweis gilt bei Patienten mit entsprechender Verdachtsdiagnose als nahezu 100 % spezifisch fĂŒr das Vorliegen einer Pulmonalembolie. Dementsprechend konnte von der Koronarintervention abgesehen werden. Unter FortfĂŒhrung der schon etablierten Therapie mit niedermolekularem Heparin, spĂ€ter Marcoumar, kam es innerhalb der nĂ€chsten Stunden klinisch zur völligen Stabilisierung, die echokardiographischen Zeichen der Rechtsherzbelastung bildeten sich innerhalb von 4 Wochen vollstĂ€ndig zurĂŒck.
Kommentar
1. Bei der Diagnostik des akuten kardiorespiratorischen Notfalls ist neben dem klinischen Beurteilungsvermögen eine profunde Kenntnis des Elektrokardiogramms nötig. Im Falle unseres Patienten lag elektrokardiographisch das typische Bild einer Pulmonalembolie vor: Der akute SI QIII-Typ, Rechtsschenkelblock sowie die T-Negativierungen in Ableitung III sind typisch fĂŒr die akute Pulmonalembolie. Weniger bekannt und ursĂ€chlich fĂŒr die ursprĂŒngliche fĂ€lschliche Annahme eines Infarktes ist jedoch, daĂ es in der Akutphase einer akuten schweren Pulmonalembolie zu infarktĂ€hnlichen ST-Streckenhebungen in den Ableitungen V1âV4 sowie inferior kommen kann. In der frĂŒhen Akutphase eines inferioren Infarktes ist die T-Welle in III aber nicht positiv.
2. Bei nicht eindeutiger Diagnose ist praktisch immer die Echokardiographie der nĂ€chste diagnostische Schritt: Im Falle unseres Patienten lag mit Nachweis einer mĂ€Ăigen pulmonalen Hypertonie, eines dilatierten, mit Ausnahme des Apex schlecht kontraktilen, rechten Ventrikels und abnormer Septumstellung ebenfalls das typische Bild einer akuten Pulmonalembolie vor. ZusĂ€tzlich beweisend war der direkte Nachweis der Emboliequelle in der Femoralvene links.
Journal für Kardiologie - Austrian Journal of Cardiology 2007; 14 (1-2): 45-47
Volltext (PDF) Fallbeschreibung Abbildungen mit Filmsequenzen
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Keywords: Echokardiographie, Fallbericht, Lyse, ST-Hebungs-Myokardinfarkt
Vorgeschichte
Ein 70jĂ€hriger Patient wurde primĂ€r im lokalen Krankenhaus mit akutem Thoraxschmerz und Dyspnoe aufgenommen. Zur AbklĂ€rung einer erhöhten Thrombozytenzahl war er 2 Wochen vorher kurz an der gleichen Abteilung, die diesbezĂŒgliche AbklĂ€rung war noch nicht abgeschlossen. Das aktuelle EKG zeigte eine Sinustachykardie von 120/Min., rechtsschenkelblock, SI QIII-Typ und massive ST-Streckenhebungen in V1âV4 (5) sowie in den inferioren Ableitungen (Abb. 1). Diese VerĂ€nderungen waren im Vergleichs-EKG 2 Wochen zuvor noch nicht vorhanden (Abb. 2). Es wurde ein akuter ST-Hebungsinfarkt der Vorderwand diagnostiziert und eine systemische Lysetherapie mit Metalyse durchgefĂŒhrt. 90 Minuten nach Beginn der Lysetherapie zeigten das EKG und das klinische Bild keine signifikante Ănderung, weswegen der Patient zur akuten Revaskularisation an unsere Abteilung transferiert wurde. Klinisch war der Patient zum Zeitpunkt der Ăbernahme immer noch deutlich dyspnoeisch, unruhig und zyanotisch, er klagte weiterhin ĂŒber mĂ€Ăig stark ausgeprĂ€gten retrosternalen Schmerz. Das EKG zeigte eine doch deutliche RĂŒckbildungstendenz der beschriebenen VerĂ€nderungen (Abb. 3).
Differentialdiagnosen
Anhand von Klinik und EKG wurden nun 3 Differentialdiagnosen diskutiert: Vorderwandinfarkt bei VerschluĂ eines weit ĂŒber die Herzspitze nach inferior reichenden LAD (Hebungen prĂ€kordial, weniger ausgeprĂ€gt inferior); inferiorer Infarkt mit Beteiligung des rechten Herzens entsprechend einem proximalen VerschluĂ der rechten Kranzarterie (Hebung inferior, ST-Hebungen prĂ€kordial als Ausdruck der Beteiligung des rechten Ventrikels) und akute Pulmonalembolie. Anstatt der primĂ€r geplanten sofortigen Koronarangiographie und Akutintervention wurde eine Echokardiographie durchgefĂŒhrt. Bei stark reduzierten Schallbedingungen aufgrund der Dyspnoe konnte doch ein klarer Befund erhoben werden:Der linke Ventrikel war gut kontraktil, ohne regionale Wandbewegungsstörungen, die linksseitigen Klappen morphologisch und funktionell in Ordnung. Der rechte Ventrikel war deutlich dilatiert und diffus schlecht kontraktil (Abb. 4, 5). Das interventrikulĂ€re Septum war etwas abgeplattet bzw. nach links gedrĂ€ngt. Es bestand eine mĂ€Ăig schwere Trikuspidalinsuffizienz mit einer Geschwindigkeit von knapp 3 m/sek. (Abb. 6). Bei nicht gestauten Lebervenen errechnete sich somit ein systolischer Pulmonalarteriendruck von etwa 45 mmHg.
Bei der Fragestellung âakute Lungenembolieâ streben wir immer den direkten Thrombus- bzw. Embolusnachweis an: Oft findet man bei akuter Pulmonalembolie einen Embolus im Bereich des rechten Vorhofs oder Ventrikels, seltener in den einsehbaren Anteilen des pulmonalarteriellen Systems. Im Falle unseres Patienten fand sich ein flottierender Thrombus in der linken Vena superficialis (Abb. 7, 8). Ein direkter Thrombusnachweis gilt bei Patienten mit entsprechender Verdachtsdiagnose als nahezu 100 % spezifisch fĂŒr das Vorliegen einer Pulmonalembolie. Dementsprechend konnte von der Koronarintervention abgesehen werden. Unter FortfĂŒhrung der schon etablierten Therapie mit niedermolekularem Heparin, spĂ€ter Marcoumar, kam es innerhalb der nĂ€chsten Stunden klinisch zur völligen Stabilisierung, die echokardiographischen Zeichen der Rechtsherzbelastung bildeten sich innerhalb von 4 Wochen vollstĂ€ndig zurĂŒck.
Kommentar
1. Bei der Diagnostik des akuten kardiorespiratorischen Notfalls ist neben dem klinischen Beurteilungsvermögen eine profunde Kenntnis des Elektrokardiogramms nötig. Im Falle unseres Patienten lag elektrokardiographisch das typische Bild einer Pulmonalembolie vor: Der akute SI QIII-Typ, Rechtsschenkelblock sowie die T-Negativierungen in Ableitung III sind typisch fĂŒr die akute Pulmonalembolie. Weniger bekannt und ursĂ€chlich fĂŒr die ursprĂŒngliche fĂ€lschliche Annahme eines Infarktes ist jedoch, daĂ es in der Akutphase einer akuten schweren Pulmonalembolie zu infarktĂ€hnlichen ST-Streckenhebungen in den Ableitungen V1âV4 sowie inferior kommen kann. In der frĂŒhen Akutphase eines inferioren Infarktes ist die T-Welle in III aber nicht positiv.
2. Bei nicht eindeutiger Diagnose ist praktisch immer die Echokardiographie der nĂ€chste diagnostische Schritt: Im Falle unseres Patienten lag mit Nachweis einer mĂ€Ăigen pulmonalen Hypertonie, eines dilatierten, mit Ausnahme des Apex schlecht kontraktilen, rechten Ventrikels und abnormer Septumstellung ebenfalls das typische Bild einer akuten Pulmonalembolie vor. ZusĂ€tzlich beweisend war der direkte Nachweis der Emboliequelle in der Femoralvene links.
