Medizinisch unerklärte Symptome und somatoforme Störungen in der Primärmedizin
Journal für Neurologie, Neurochirurgie und Psychiatrie 2012; 13 (1): 21-28
Volltext (PDF) Summary Praxisrelevanz Abbildungen
Keywords: Diagnostik, Epidemiologie, Psychotherapie, Störung, Symptom
Somatoforme Symptome (hĂ€ufig auch als âmedizinisch unerklĂ€rte Symptomeâ bezeichnet), Syndrome und Störungen werden definiert durch Körperbeschwerden, denen keine (ausreichende) organische Pathologie zugrunde liegt. DSM-IV und ICD-10 beschreiben verschiedene Subgruppen somatoformer Störungen, auĂerdem werden sie im klinischen Sprachgebrauch hĂ€ufig als so genannte âfunktionelle Störungenâ beschrieben. Aufgrund ihrer oft diffusen Erscheinungsform treten diese Beschwerden sehr hĂ€ufig im hausĂ€rztlichen Setting auf. Etwa 75 % aller dem Hausarzt berichteten Symptome können als medizinisch nicht vollstĂ€ndig erklĂ€rt beurteilt werden. Auf der Störungs- bzw. Diagnoseebene kann die PrĂ€valenz somatoformer Störungen im Hausarztsetting in einem breiten Range zwischen ca. 5 % und 58 % eingeordnet werden. Patienten mit somatoformen Beschwerden weisen verschiedene Charakteristika auf. Sie scheinen tendenziell hĂ€ufiger weiblich, > 40 Jahre alt, weniger gebildet und allein lebend zu sein. DarĂŒber hinaus leiden viele von ihnen, zwischen 30 % und 70 %, unter komorbiden depressiven oder Angststörungen. Neben manifesten komorbiden Störungen sind bei Patienten mit somatoformen Beschwerden hĂ€ufig bestimmte psychologische Merkmale zu finden. Hierzu zĂ€hlen behaviorale Merkmale (beispielsweise Inanspruchnahme Ă€rztlicher Leistungen, Schonung), perzeptive und kognitive Besonderheiten (z. B. somatosensorische VerstĂ€rkung, katastrophisierende Interpretation von Körpersymptomen), emotionale Merkmale (z. B. KrankheitsĂ€ngstlichkeit), aber auch biologische Korrelate (beispielsweise Fehlregulation der Stressachsen oder erhöhtes Cortisol). Die genannten ZusammenhĂ€nge und vor allem ihre Ursachenrichtung sind jedoch hĂ€ufig unklar. Eine besondere Schwierigkeit stellt die Diagnostik somatoformer Beschwerden dar. Wie die stark divergierenden PrĂ€valenzschĂ€tzungen zeigen, können die aktuellen Diagnosesysteme DSM-IV und ICD-10 dieses PhĂ€nomen nicht adĂ€quat abbilden. Aus diesem Grund ist eine rege Diskussion um ihre Neukonzeptionalisierung im Gange und neue Kriterien, welche mit DSM-V eingefĂŒhrt werden sollen, wurden bereits vorgeschlagen.
Journal für Neurologie, Neurochirurgie und Psychiatrie 2012; 13 (1): 21-28
Volltext (PDF) Summary Praxisrelevanz Abbildungen
Keywords: Diagnostik, Epidemiologie, Psychotherapie, Störung, Symptom
Somatoforme Symptome (hĂ€ufig auch als âmedizinisch unerklĂ€rte Symptomeâ bezeichnet), Syndrome und Störungen werden definiert durch Körperbeschwerden, denen keine (ausreichende) organische Pathologie zugrunde liegt. DSM-IV und ICD-10 beschreiben verschiedene Subgruppen somatoformer Störungen, auĂerdem werden sie im klinischen Sprachgebrauch hĂ€ufig als so genannte âfunktionelle Störungenâ beschrieben. Aufgrund ihrer oft diffusen Erscheinungsform treten diese Beschwerden sehr hĂ€ufig im hausĂ€rztlichen Setting auf. Etwa 75 % aller dem Hausarzt berichteten Symptome können als medizinisch nicht vollstĂ€ndig erklĂ€rt beurteilt werden. Auf der Störungs- bzw. Diagnoseebene kann die PrĂ€valenz somatoformer Störungen im Hausarztsetting in einem breiten Range zwischen ca. 5 % und 58 % eingeordnet werden. Patienten mit somatoformen Beschwerden weisen verschiedene Charakteristika auf. Sie scheinen tendenziell hĂ€ufiger weiblich, > 40 Jahre alt, weniger gebildet und allein lebend zu sein. DarĂŒber hinaus leiden viele von ihnen, zwischen 30 % und 70 %, unter komorbiden depressiven oder Angststörungen. Neben manifesten komorbiden Störungen sind bei Patienten mit somatoformen Beschwerden hĂ€ufig bestimmte psychologische Merkmale zu finden. Hierzu zĂ€hlen behaviorale Merkmale (beispielsweise Inanspruchnahme Ă€rztlicher Leistungen, Schonung), perzeptive und kognitive Besonderheiten (z. B. somatosensorische VerstĂ€rkung, katastrophisierende Interpretation von Körpersymptomen), emotionale Merkmale (z. B. KrankheitsĂ€ngstlichkeit), aber auch biologische Korrelate (beispielsweise Fehlregulation der Stressachsen oder erhöhtes Cortisol). Die genannten ZusammenhĂ€nge und vor allem ihre Ursachenrichtung sind jedoch hĂ€ufig unklar. Eine besondere Schwierigkeit stellt die Diagnostik somatoformer Beschwerden dar. Wie die stark divergierenden PrĂ€valenzschĂ€tzungen zeigen, können die aktuellen Diagnosesysteme DSM-IV und ICD-10 dieses PhĂ€nomen nicht adĂ€quat abbilden. Aus diesem Grund ist eine rege Diskussion um ihre Neukonzeptionalisierung im Gange und neue Kriterien, welche mit DSM-V eingefĂŒhrt werden sollen, wurden bereits vorgeschlagen.
