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Hudelist G et al.  
Kolorektale tief infiltrierende Endometriose (TIE): Indikation und Ergebnisse der operativen Therapie bei gestörter Fertilität // Deep-infiltrating endometrioses: Indication and results of operative therapy for impaired fertility

Journal für Reproduktionsmedizin und Endokrinologie - Journal of Reproductive Medicine and Endocrinology 2019; 16 (3): 116-120

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Abb. 1a-b: Darmsegment



Keywords: FertilitätGynäkologieIVFkolorektale tief-infiltrierende EndometrioseReproduktionsmedizin

Kolorektale tief infiltrierende Endometriose (TIE): Indikation und Ergebnisse der operativen Therapie bei gestörter Fertilität

G. Hudelist1, U. Sevelda1, C. Rüsch1, B. Dauser2, Z. Nemeth1

Eingegangen am 18. März 2019, angenommen nach Revision am 20. Mai 2019 (verantwortliche Rubrik-Herausgeberin A. Weghofer, Wien)

Aus der 1Abteilung für Gynäkologie und der 2Abteilung für Chirurgie, Klinisch-wissenschaftliches Endometriosezentrum, Krankenhaus der Barmherzigen Brüder Wien.

Korrespondenzadresse: Univ.-Doz. Dr. Gernot Hudelist, MSc, Abteilung für Gynäkologie, Leitung Klinisch-Wissenschaftliches Endometriosezentrum, Krankenhaus der Barm­herzigen Brüder, A-1020 Wien, Johannes-Gott-Platz 1; E-Mail: gernot_hudelist@yahoo.de.

Patientinnen mit tief infiltrierender Endometriose (TIE) weisen deutlich erniedrigte spontane Konzeptionsraten auf. Im Rahmen der assistierten reproduktionsmedizinischen Techniken (ART) zeigen Patientinnen mit kolorektaler TIE ebenfalls reduzierte Fertilisations-, Implantations-, und Schwangerschaftsraten. Die chirurgische Therapie der kolorektalen TIE verbessert nachweislich die Schwangerschaftsrate, die Ergebnisse variieren jedoch in den vorliegenden Studien beträchtlich. Die Indikation zur operativen Resektion bei Fertilitätsstörungen ist ­prinzipiell bei der symptomatischen Patientin oder nach mehrfachen frustranen IVF-Versuchen gegeben. Asymptomatischen Frauen mit kolorektaler TIE kann bei Fertilitätsproblemen die primäre ART empfohlen werden.

Schlüsselwörter: kolorektale tief-infiltrierende Endometriose, Fertilität, IVF

Deep-infiltrating endometrioses: Indication and results of operative therapy for impaired fertility. Patients with deep-infiltrating endometrioses (DIE) show reduced spontaneous pregnancy rates. As far as ART is concerned, fertilisation-, implantation- and pregnancy rates are also impaired by colorectal DIE. Surgical therapy of colorectal DIE has shown to improve pregnancy rates but the fertility outcomes vary significantly in the existing studies. Surgical treatment of infertile women with colorectal TIE is mainly indicated for symptomatic patients or after the failure of several IVF-cycles. For asymptomatic women with colorectal TIE and fertility problems, primary ART can be recommended. J Reproduktionsmed Endokrinol 2019; 16 (3): 116–20.

Key words: colorectal deep-infiltration endometriosis, fertility, ART

Einleitung

Vier bis 35 % aller Patientinnen mit Endometriose weisen eine tiefe Infiltration des Rektosigmoids auf [1], wobei meist additive ovarielle und peritoneale Läsionen als auch Adenomyosis konkomitant auftreten. Aktuelle Studien zeigen, dass 25 %–40 % aller Patientinnen, die in reproduktionsmedizinischen Einrichtungen vorstellig werden, von Endometriose in unterschiedlicher Ausprägung betroffen sind [2]. Als ursächliche Faktoren für die Beeinträchtigung der Fertilität werden die Veränderung der normalen anatomischen Verhältnisse durch tief infiltrierende Endometriose (TIE) und sekundäre Adhäsionen, eine gestörte Follikelreifung, Implantation als auch uterine Dysperistalik beschrieben [3]. Die Reduktion der spontanen Konzeptionsraten durch fortgeschrittene Endometriose ist ungenügend untersucht. Trotzdem legen die wenigen vorhandenen Untersuchungen nahe, dass bei Patientinnen mit milder bis moderater Endometriose (nach rAFS-Klassifikation) spontane Schwangerschaften in bis zu 30 % zu erwarten sind, während bei Patientinnen mit TIE bzw. fortgeschrittener Endometriose eine natürliche Konzeption wesentlich seltener eintritt (0 %–13 %) [4–6]. In Bezug auf ­assistierte reproduktionsmedizinische Techniken (ART) weisen Patientinnen mit kolorektaler TIE – welche in der Praxis meist mit Adenomyosis uteri und ausgedehnten Adhäsionen kombiniert ist – deutlich reduzierte Fertilisationsraten, Implantationsraten bzw. Schwangerschaftsraten auf [7]. Speziell TIE dürfte einen negativen Einfluss auf IVF-­ICSI-Ergebnisse haben [8].

Chirurgische Therapie­optionen – milde Endo­metriose und Endo­metriosezysten

Die Indikation zur operativen Therapie kann bei therapieresistenten Beschwerden der Patientin und/oder bestehender Infertilität und frustranen reproduktionsmedizinischen Interventionen entsprechend den aktuellen Leitlinien (DGGG, ESHRE) gestellt werden [9, 10]. Sterilitätspatientinnen mit minimal bzw. geringgradig ausgeprägter Endometriose nach rAFS profitieren nur marginal von einer operativen Behandlung [11]. Obwohl die Unterschiede zur rein diagnostischen Laparoskopie statistische Signifikanz erreichen, beträgt die NNT (number needed to treat) 25 bezüglich spontaner Schwangerschaften nach einer Operation bzw. Resektion der peritonealen Endometriose versus Kontrollgruppe bzw. rein diagnostischer Laparoskopie. Ähnlich verhält es sich für die Erfolgsraten der ART nach rein peritonealer Endometrioseresektion versus diagnostischer Laparoskopie ohne Resektion peritonealer Herde [12]. Patientinnen mit Ovarialendometriose profitieren jedoch klar von einer operativen Resektion der Endometriose. Die Raten an spontanen Schwangerschaften variieren zwischen 30 % und 70 % mit einer durchschnittlichen NNT von 2,7 [13]. Im Gegensatz dazu zeigt eine Meta-Analyse keinen klaren Benefit der Resektion von Endometriomen vor ART [14]. In der klinischen Praxis können dem Reproduktionsmediziner große Endometriome durch retrouterine Lage oder schwierige Zugänglichkeit der Follikel Probleme bereiten und dadurch doch eine Indikation zur Operation vor ART gegeben sein.

Tief infiltrierende kolorektale TIE

Aktuelle Studien zeigen, dass etwa ein Drittel der Darmendometriose-Patientinnen ungenügend auf hormonelle bzw. medikamentöse Therapien ansprechen und sich für eine operative Therapie entscheiden [15, 16]. Eine wesentliche Reduktion der Beschwerdesymptomatik ist in über 90 % der Fälle zu erwarten [1, 17]. Fertilitätsstörungen bei nur geringer Beschwerdesymptomatik stellen nach Meinung der Autoren keine Indikation zur primär operativen Therapie dar. Obwohl die bis dato publizierten Ergebnisse der ART bzw. IVF/ICSI uneinheitlich sind, kann davon ausgegangen werden, dass etwa ein Drittel der Patientinnen mit in situ rektovaginaler TIE nach ART Schwangerschaften erwarten kann [18]. Somit besteht primär für die symptomatische Sterilitätspatientin mit kolorektaler TIE die Indikation zur operativen Intervention – mit dem Ziel einer Reduktion der Beschwerdesymptomatik und Verbesserung der Fertilität.

Die wesentlichen Fragen, welche sich im Zuge des Entscheidungsprozesses stellen, sind:

  • Welche potentiellen Komplikationen sind zu erwarten?
  • Inwieweit verbessert die radikale chirurgische Therapie die spontanen Schwangerschaftsraten?
  • Sollte die operative Resektion der TIE vor der ART durchgeführt werden?
  • Welche Komplikationen können Patientinnen mit kolorektaler TIE durch eine hormonelle Stimulation und primäre ART/IVF ohne vorherige Operation erfahren?

    Operationstechnik und Komplikationen

Prinzipiell stehen 3 mögliche chirurgische Behandlungsmethoden – „Rectal Shaving“ (RS), „Disc-Resektion“ (DR) und Segmentresektion des Rektums (SR) – zur Verfügung. Ziel der chirurgischen Therapie ist die Resektion der TIE mit Erhalt der reproduktiven Organe im Sterilitätsfall. Operationsart und Technik hängen prinzipiell von der Erfahrung und Präferenz des interdisziplinären gynäkologisch-chirurgischen Teams ab. Mehrere Studien belegen klar den Vorteil minimal-invasiver Techniken gegenüber der Laparotomie hinsichtlich. Blutverlust, postoperative Komplikationen, Liegedauer und postoperativen Schwangerschaftsraten [19].

Unter „Rectal Shaving“ (RS) wird die oberflächliche, schichtweise Entfernung der TIE verstanden mit dem Ziel, „gesundes“, nicht betroffenes Gewebe zu schonen und somit die Darmmukosa und die luminale Struktur des Rektosigmoids zur erhalten. Nach einer Übersichtsarbeit von Donnez et al. [20] und bis dato 4470 publizierten Fällen werden meist Läsionen zwischen 2–3 cm Durchmesser reseziert. Die Komplikationsraten des „Shavings“ variieren stark und sind in manchen Studien nicht angegeben. Jene Publikationen mit detailliertem Follow-up berichten eine intraoperative Perforation bzw. Eröffnung des Lumens in 1,74 % (83/4470) mit konsekutiver komplikationsloser Übernähung im Rahmen des Ersteingriffs. Postoperative Dehiszenzen und Fistelbildung berichten Studien zwischen 0,03 % und 3,3 % [20]. Die Darmfunktion (Entleerungsfrequenz, Obstipation und Kontinenz) scheint im bis dato selten publizierten Langzeit-Follow-up durch das Belassen des nerven- und gefäßführenden pararektalen Fettgewebes nicht negativ beeinträchtigt bzw. sogar teilweise verbessert zu sein [21]. Rezidivraten nach Rektum-Shaving hinsichtlich Schmerzsymptome betragen etwa 10 %, wobei nicht klar ist, ob die wiederkehrende Schmerzsymptomatik direkt mit der Operationstechnik assoziiert ist [20]. Die bis jetzt publizierten Re-Interventionsraten schwanken zwischen 2,4 % [21] und 27 % nach bereits 20 Monaten [22], was eine klinisch relevante Persistenz der kolorektalen TIE im Rahmen des Ersteingriffs nahelegt.

Eine weitere chirurgische Option stellt die „Disc-Resektion“ (DR) dar, welche sich zur einer Standardmethode bei mittelgroßen (2–3 cm Durchmesser) Darmläsionen etabliert. Dabei wird der entstehende Wanddefekt nach Invagination oder Exzision der TIE vernäht oder mittels Stapler, welcher meistens transanal eingebracht wird, verschlossen. Vorbedingung ist prinzipiell eine unifokale Erkrankung, welche in der Praxis unter 2–4 cm Infiltrationsstrecke und weniger als 50 % der Gesamtzirkumferenz betrifft [1, 23]. Die Komplikationen der DR scheinen jene des Shavings zu übertreffen – Leakage bzw. Rektovaginalfistelbildung wird bei 371 publizierten Fällen in 3,6 % berichtet [24], wobei die Rate an Rektovaginalfisteln begünstigt bei Eröffnung der Vagina (82 %) bis zu 7,2 % betragen kann [25]. In einer prospektiven Kohortenstudie der Autoren wies keine der 32 Patientinnen nach DR eine ­Leckage- oder Fistelbildung auf, wobei die Vagina in der Hälfte der Fälle eröffnet und reseziert wurde [17]. Im Gegensatz zu der von Roman et al. [25] publizierten Serie werden an unserem Zentrum nur Läsionen mit bis 3 cm Durchmesser mittels DR behandelt, größere Knoten mit SR.

Die Segmentresektion (SR) bei TIE mit vollständiger Resektion des betroffenen Darmsegments und Re-Anastomosierung der Lumina wurde bereits am Beginn des 20. Jahrhunderts beschrieben [26] mit bis dato über 4000 publizierten Fällen. Klassische Indikation der SR ist die ausgedehnte, in der Regel über 4–6 cm infiltrierende und multifokale TIE. Die Extraktion des Darmsegments erfolgt über eine erweiterte supra­symphysäre oder paraspinale Inzision, die kolorektale Anastomose wird in der Regel End-End oder End-Seit mit Zirkulärstapler durchgeführt. Ein von einigen Autoren eingebrachtes Argument gegen die SR ist die erweiterte Radikalität der Operation, die mögliche Irritation der Gefäß- und Nervenversorgung des Rektums und angrenzender Beckenorgane und die damit verbundene Erhöhung der postoperativen Morbidität. Die publizierten Raten an Rektovaginalfisteln und Anastomoseninsuffizienzen (AI) schwanken zwischen 0 % und 18 %, wobei die Höhe der Anastomose (unter 5 cm ab ano Verdreifachung der AI-Rate bzw. Rate an AI/Fistel bei Anastomose unter 8 cm bis 13 %) [20] eine wesentliche Rolle spielt. Weiters wird die postoperative Stenosierung des Anastomosenbereichs in bis zu 15 % beschrieben sowie eine mögliche Funktionsstörung des Rektums (Lower anterior resection syndrome, LARS) häufiger nach SR im Gegensatz zu RS und DR berichtet [20]. Hier ist anzumerken, dass die SR per se je nach Arbeitsgruppe sehr unterschiedliche Ergebnisse, Komplikationsraten und Operationsvarianten (limitierte nerven- und gefäßsparende Variante versus klassische TMR – totale mesorektale Resektion) aufweist. Die von den Autoren praktizierte „Nerve-vessel sparing tubular Resection“ [17], bei der das gesamte mesorektale nerven- und gefässführende Fettgewebe belassen wird (Abb. 1 a, b) zeigt in einer rezenten Publikation der Autoren niedrige Raten an AI und Fistelbildung (1,9 % bzw. 1 %) sowie im Vergleich zur DR keinen signifikanten Unterschied hinsichtlich der postoperativen Funktionalität (minor und major LARS – Resektionssyndrom – in 5 % bzw. 1 %) und postoperative Anastomosenstenose in 1,2 % [17]. Weiters konnte die bis jetzt einzige prospektiv-randomisierte Studie zum Vergleich DR versus SR keine signifikanten Unterschiede hinsichtlich Komplikationsraten und Funktionalität nachweisen [27].

Ergebnisse der radikalen chirurgischen Therapie der kolorektalen TIE bei Infertilität

Bis dato existiert nur eine prospektiv-­randomisierte Studie zum Vergleich der Resektionsarten der kolorektalen TIE zur Verbesserung der Fertilität. Diese zeigt keine signifikanten Unterschiede zwischen DR und SR in Bezug auf die spontanen Schwangerschaftsraten (66,7 % vs. 72,7 %) [27].

Eine signifikante Reduktion der Schmerzsymptome wird in bis zu 93 % der Fälle nach RS beschrieben [28] mit kumulativer postoperativer Schwangerschaftsrate bei infertilen Patientinnen für RS und DR zwischen 65 % und 85 % [21, 28]. Die SR ist effektiv im Bezug auf Symptomreduktion, weist niedrige Rezidiv- und Reinterventionsraten (unter 1 %) [20], sowie hohe postoperative Schwangerschaftsraten (SSR) bei infertilen Patientinnen auf. In einem Review von 1889 Patientinnen nach SR [29] betrug die Rate an vollständiger postoperativer Beschwerdefreiheit nach 1 Jahr in Studien mit publiziertem Follow-up 81,5 % (111/135), an Verbesserung der Symptome in 17 % (19/112) und an fehlender Veränderung nur 2,7 % (3/112). Eine rezente Analyse zur Fertilitätsverbesserung nach SR bei TIE berichtet eine kumulative SSR von 48 %–69 %, wobei die spontanen Konzeptionsraten zwischen 21 % und 61 % stark variieren [30]. In einer Gruppe von 102 Patientinnen nach SR beobachteten die Autoren ebenso eine signifikante Reduktion der Schmerzscores (NAS) für Dysmenorrhö, Dyspareunie, Dyschezie von im Mittel 8,3 auf 2,1; 3,5 auf 0,7 und 4,2 auf 0,7 mit einer kumulativen postoperativen SS-Rate von 64 % mit 40 % spontaner Konzeptionsrate [17].

ART und operative Therapie der kolorektalen TIE

Ob eine chirurgische Resektion der kolorektalen TIE vor der IVF die Ergebnisse der IVF versus primäre IVF verbessert, ist nur ungenügend untersucht. Wie bereits erwähnt kann davon ausgegangen werden, dass etwa ein Drittel der Patientinnen mit in situ rektovaginaler tief infiltrierender Endometriose (TIE) nach ART Schwangerschaften erwarten kann [18]. Ein Review von Cohen et al. berichtet eine kumulative spontane SSR von 29 % bei 1320 Patientinnen nach operativer Resektion der kolorektalen TIE, jedoch eine ebenso hohe SSR nach primärer ART bei in situ TIE nach IVF [18].

Wesentlich ist jedoch die Frage des Vorgehens bei Patientinnen, die aus anderen Gründen (Male Factor, Tubal Factor etc.) ohnehin einer reproduktionsmedizinischen Maßnahme unterzogen werden bzw. inwieweit diese Patientinnen von einer Operation profitieren. Hierbei dürfte die COH/IUI einen geringen Stellenwert haben und die primäre IVF/ICSI bevorzugt werden [31]. Darai et al. [31] berichten in einem Review eine SSR von 21 % bei Patientinnen nach Resektion der TIE und konsekutiver IVF verglichen mit 27 % nach primärer IVF ohne operative Resektion der TIE bei infertilen Patientinnen [31]. Hervorzuheben ist die Studie von Ballester et al. [32]: Vor allem mit Patientinnen < 35 Jahren und altersentsprechender Eizellreserve weisen trotz bestehender rektovaginaler TIE klinische Schwangerschaftsraten (CPR) von 29 %, 52 % bis zu 69 % nach 1, 2 bzw. 3 Zyklen IVF/ICSI auf [8, 32]. Es muss jedoch kritisch angemerkt werden, dass CPR und Lebendgeburtraten (LBR) divergieren und Patientinnen mit additiver Adenomyosis, die in vielen Fällen konkomitant auftritt, deutlich niedrigere CPR von 19 % vs. 82 % nach 3 Zyklen IVF/ICSI [32] sowie signifikant höhere Abortraten aufweisen [33]. Die ­aktuellste Untersuchung zur Frage der Abfolge Operation und ART (in den obigen Reviews nicht berücksichtigt) wird von Bendifallah et al. im Rahmen einer retrospektiven Kohortenstudie vorgelegt und beschreibt eine SSR nach Operation und konsekutiver IVF von 60 % (40/67 Patientinnen mit kolorektaler TIE und Infertilität) versus 36 % nach primärer IVF (25/69) ohne operative Resektion mit entsprechenden Lebendgeburtenraten von 49 % und 20 % [34]. Somit stehen diese Ergebnisse im klaren Gegensatz zu den vorher erwähnten und legen klar den Vorteil der primären operativen Therapie vor ART nahe.

Aktuell existieren jedoch weder prospektiv randomisierte Studien mit suffizienten Fallzahlen noch Studien mit adäquaten Kontrollgruppen zu diesem Thema. Daher gilt nach Meinung vieler Autoren, dass die chirurgische Therapie der kolorektalen TIE vor IVF/ICSI vor allem bei symptomatischen Patientinnen sowie Frauen mit mehrmaligen frustranen IVF-Versuchen erwogen werden sollte.

ART bei in situ kolorek­taler TIE

Risiken, welche im Rahmen der ovariellen Stimulation bei bestehender kolorektaler Endometriose bestehen, inkludieren Darmokklusion bzw. die Entwicklung eines mechanischen Ileus sowie die Stenosierung des Ureters mit konsekutiver Hydronephrose. Seyer-Hansen et al. [35] berichten in einer retrospektiven Kohortenstudie von 76 Patientinnen mit kolorektaler TIE und primärer IVF eine Verschlechterung der Darmsymptome in 11,8 % (9/79) mit dem Auftreten eines interventionspflichtigen Ileus in 3 Fällen (3,8 %). Roman et al. [36] beschreiben eine Ileusrate von 5 % bei 241 Patientinnen mit in situ kolorektaler TIE unter ovarieller Stimulation und fordern daher eine detaillierte Evaluierung der TIE und Aufklärung dieser Patientinnen vor primärer IVF.

Ebenso existieren multiple Fallberichte und Fälle aus dem Kollektiv der Autoren, welche bei in situ kolorektaler TIE im Rahmen der Follikelpunktion eine sekundäre Ausbildung eines Tuboovarialabszesses bzw. Peritonitis berichten. Die Literatur zu diesem Thema ist andererseits widersprüchlich. Benaglia et al. [37] berichten keine diesbezügliche Komplikation im Rahmen einer prospektiven Beobachtung von 214 ART-Zyklen bei Patientinnen mit uni- oder bilateralen Endometriomen. In einer retrospektiven Analyse eines ART-Zentrums mit über 450 Punktionen pro Jahr konnten in einem Zeitraum von 4 Jahren 10 Patientinnen mit Tuboovarialabszessen (TOA) bei Endometriomen isoliert werden [38]. Interessanterweise fanden bei nur 3 der 10 Patientinnen vor dem TOA Punktionen statt, sodass die Autoren eine Ausbildung eines TOA begünstigt durch das Endometriom per se annehmen. Klare Raten an infektiös bedingten Komplikationen nach ART-assoziierten Punktionen liegen bis dato nicht vor.

Fazit

Die chirurgische Therapie der tief infiltrierenden Darmendometriose beinhaltet 3 mögliche Operationsmethoden – Rectal Shaving (RS), Disc-Resektion (DR) und Segmentresektion (SR). Die zahlenmäßig größte Evidenz zur postoperativen Schmerzreduktion, Verbesserung der Fertilität sowie Komplikationsraten liegt mit über 4000 publizierten Fällen für die Segmentresektion vor. RS und DR sind ebenso etablierte Techniken, wobei das RS geringere Komplikationsraten, jedoch möglicherweise höhere Rezidiv- und Reinterventionsraten verglichen mit DR und SR aufweist. Große prospektiv-randomisierte Studien zum Vergleich der 3 Methoden fehlen jedoch bis jetzt. Angesichts der Tatsache, dass auch die Erfahrung des interdisziplinären Teams und die damit verbundene Fallzahl an Operationen (volume activity per center and year) einen wesentlichen Einfluss auf das Outcome hat – mit einer Verdoppelung der Komplikationsraten bei Einheiten unter 20 Fällen pro Jahr [37] – sollte die chirurgische Therapie der kolorektalen TIE primär an Zentren mit entsprechender Erfahrung hinsichtlich der bevorzugten Operationstechnik, interdisziplinären Zusammenarbeit und dem Management vom Komplikationen erfolgen, um ein optimales Ergebnis zu erzielen.

Die Verbesserung der Fertilität ist bei Patientinnen mit kolorektaler TIE und chirurgischer Therapie bewiesen, variiert jedoch nach vorliegenden Studien beträchtlich. Die Indikation zur operativen Resektion ist prinzipiell bei der symptomatischen Patientin, speziell bei additiver Fertilitätsstörung, gegeben. Die primäre ART bei Infertilität und kolorektaler TIE ist bei asymptomatischen Patientinnen oder Patientinnen mit gutem Ansprechen auf medikamentöse bzw. hormonelle Therapiemaßnahmen empfohlen. Zusatzfaktoren wie Alter, Male Factor, Ovarialreserve, vorangegangene ART und möglicherweise bestehende Adenomyosis werden die Empfehlung zusätzlich beeinflussen und müssen berücksichtigt werden, ebenso wie Risiken der primären ART bzw. ovariellen Stimulation bei in situ kolorektaler TIE wie Ileus bzw. Progression der TIE.

Interessenkonflikt

Die Autoren geben an, dass kein Interessenkonflikt besteht.

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