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Junge Forschung im Fokus: Aktenzeichen XY gelöst - die Rolle von CatSper bei der männlichen Unfruchtbarkeit Journal für Reproduktionsmedizin und Endokrinologie - Journal of Reproductive Medicine and Endocrinology 2024; 21 (2): 66-68 Volltext (PDF) Volltext (HTML) Abbildungen Aktenzeichen XY gelöst – die Rolle von CatSper bei der männlichen UnfruchtbarkeitProf. Dr. rer. nat. Timo Strünker, Münster Video
HintergrundJedes sechste Paar kann auf natürlichem Weg keine Kinder bekommen. Die Ursachen liegen ebenso häufig beim Mann wie bei der Frau. Eine männliche Unfruchtbarkeit kann darauf beruhen, dass das Ejakulat zu wenig Spermien aufweist, die Spermien nur eingeschränkt beweglich sind und/oder morphologische Defekte aufweisen. Bei vielen unfruchtbaren Männern ist die Samenanalyse jedoch unauffällig: Anzahl, Beweglichkeit und Aussehen der Spermien sind normal. Hier scheint also eine Funktionsstörung der Spermien das Problem zu sein. In den letzten Jahren häuften sich die Hinweise, dass der spermienspezifische Ionenkanal CatSper (cation channel of sperm), der den Kalzium-Haushalt von Spermien steuert, eine wichtige Rolle bei dieser scheinbar unerklärlichen männlichen Unfruchtbarkeit spielt. Spermien nehmen mithilfe von CatSper Botenstoffe wahr, die von der Eizelle ausgeschüttet werden [1, 2]. Die Botenstoffe aktivieren CatSper, woraufhin Kalzium in das Flagellum einströmt, was wiederum dessen Schlagmuster verändert (Abb. 1). Das ist für die Befruchtung entscheidend, so die Vermutung. Diese wurde durch Daten von Mäusen, bei denen CatSper gentechnisch ausgeschaltet wurde, und eine Reihe von Fallberichten über unfruchtbare Männer mit einem Funktionsverlust von CatSper, ausgelöst durch Veränderungen in CATSPER-Genen, bekräftigt [3]. MethodenUm die Rolle von CatSper bei der männlichen Unfruchtbarkeit aufzuklären, haben wir den sogenannten CatSper-Test entwickelt. Der Test erfordert 40 ?l Ejakulat sowie ein Standardlichtmikroskop und erlaubt, mit einem Arbeitsaufwand von wenigen Minuten, die CatSper-Funktion im Rahmen der Samenanalyse zu bestimmen (Abb. 2): Nach Inkubation in einer speziellen Testlösung erstarren Spermien von Männern mit intakter CatSper-Funktion. Bleiben die Spermien in der Testlösung jedoch motil, deutet alles auf einen CatSper-Defekt hin. Über einen Zeitraum von drei Jahren wurde mit einem Prototyp des CatSper-Tests die Funktion von CatSper in Spermien von fast 2300 Patienten untersucht, bei denen am Centrum für Reproduktionsmedizin und Andrologie (CeRA) der Universität Münster aus verschiedensten Gründen eine Samenanalyse durchgeführt wurde. Bei Männern mit auffälligem CatSper-Test wurde dann mittels Ca2+-Imaging und elektrophysiologischen Ableitungen an deren Spermien und über eine genetische Diagnostik das Testergebnis überprüft und die Ursache des CatSper-Defekts ermittelt. ErgebnisseDas systematische Screening mit dem CatSper-Test ergab, dass bei etwa 1 % der Patienten bzw. Paare mit einer scheinbar unerklärlichen Unfruchtbarkeit ein Funktionsverlust von CatSper die Ursache für den unerfüllten Kinderwunsch ist. Wir konnten zeigen, dass der Funktionsverlust meistens durch eine homozygote Deletion des CATSPER2-Gens hervorgerufen wird. Eine CatSper-bedingte Unfruchtbarkeit lässt sich per Samenanalyse jedoch nicht nachweisen: Die CatSper-Patienten, die wir in unserer Studie identifizieren konnten, waren fast alle normozoosperm (Tab. 1). Allerdings reagieren die Spermien der Patienten nicht mehr auf die Botenstoffe der Eizelle (Abb. 1) und können daher die Eihülle nicht durchdringen. Das erklärt nicht nur die Unfruchtbarkeit, sondern auch, warum bei den Paaren jegliche Versuche der medizinisch assistierten Reproduktion über eine Zyklusoptimierung, intrauterine Insemination (IUI) und/oder In-vitro-Fertilisation (IVF) gescheitert sind (Tab. 2). Lediglich die intrazytoplasmatische Spermieninjektion (ICSI) führte zum Erfolg, sprich der Geburt eines gesunden Kindes. Diese Ergebnisse wurden kürzlich im Journal of Clinical Investigation publiziert [4]. Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass unsere großangelegte Studie belegt, dass die CatSper-bedingte Unfruchtbarkeit tatsächlich eine häufige Ursache unerklärlicher männlicher Unfruchtbarkeit darstellt. Die Früherkennung erlaubt eine evidenzbasierte Auswahl der Methode zur assistierten Reproduktion, wodurch das medizinische Risiko für die gesunde Partnerin minimiert und gleichzeitig die Erfolgsaussichten maximiert werden. Aufgrund dieser Erkenntnis haben wir den CatSper-Test für den Einsatz im Rahmen einer Samenanalyse zunächst noch weiter optimiert und dann in aufwendigen klinischen Leistungsstudien zu einem CE-zertifizierten In-vitro-Diagnostikum weiterentwickelt. Somit steht der Test seit Kurzem zur routinemäßigen Früherkennung der CatSper-bedingten Unfruchtbarkeit auch Paaren bzw. Ärztinnen und Ärzten außerhalb Münsters zur Verfügung. Literatur: 1. Strünker T, et al. The CatSper channel mediates progesterone-induced Ca2+ influx in human sperm. Nature 2011; 471: 382–6. 2. Lishko PV, et al. Progesterone activates the principal Ca2+ channel of human sperm. Nature 2011; 471: 387–91. 3. Wang H, et al. Sperm ion channels and transporters in male fertility and infertility. Nat Rev Urol 2021; 18: 46–66. 4. Young S, et al. Human fertilization in vivo and in vitro requires the CatSper channel to initiate sperm hyperactivation. J Clin Invest 2024; 134: e173564. Korrespondenzadresse: Prof. Dr. rer. nat. Timo Strünker Molekulare Reproduktionsphysiologie Centrum für Reproduktionsmedizin und Andrologie Universität Münster Albert-Schweitzer-Campus 1, Geb. D11 D-48149 Münster Tel. +49(0)251-83-58238 E-Mail: timo.struenker@ukmuenster.de https://www.ukm.de/zentren/reproduktionsmedizin-und-andrologie Teaser Junge Forschung im Fokus 2025Seit 2016 engagiert sich der BRZ, gemeinsam mit dem Journal für Reproduktionsmedizin und Endokrinologie sowie dem Rubrik-Herausgeber N. Nassar (Mitglied des BRZ), bei der Unterstützung der Jungen Forscherinnen und Forscher und ihren Forschungsvorhaben auf dem Gebiet der Reproduktionsmedizin und den angrenzenden Wissenschaften in Deutschland. Um den Nachwuchs zu erreichen, werden im Rahmen des BRZ-Preises „Junge Forschung“ die professionell erstellten Videos über den Forschungsgegenstand und das Team auf allen modernen Kommunikationswegen verbreitet und die Darstellung des Projektes im Journal für Reproduktionsmedizin und Endokrinologie ermöglicht. Ziele der Initiative:
Auch im Jahr 2025 wird der BRZ den Preis „Junge Forschung im Fokus“ vergeben. Anträge können bis 30. November 2024 eingereicht werden an: brz@repromed.de Weitere Informationen und Bewerbungen an: N. Nassar, Nassar@ivfzentrum.de Monika Uszkoreit, uszkoreit@repromed.de Die Herstellung dieses Films wäre ohne die große Unterstützung der Firma FERRING Arzneimittel nicht möglich gewesen! Der BRZ dankt für das Engagement zur Förderung der Jungen Forschung auf dem Gebiet der Reproduktionsmedizin in Deutschland. Der BRZ dankt auch dem Team Klas Bömecke und Oliver Bloch, B2-Videomarketing, mit deren Expertise ein hervorragendes Video entstanden ist. |
