Krause und Pachernegg
Verlag für Medizin und Wirtschaft
 
Summary
Grausenburger P
Echokardiographie aktuell: Hämodynamische Evaluierung beim Intensivpatienten

Journal für Kardiologie - Austrian Journal of Cardiology 2006; 13 (5-6): 221-224

Volltext (PDF)    Fallbeschreibung    Abbildungen mit Filmsequenzen   

Abb. 1: PW-Dopplerspektrum Abb. 2: LV-Ausflußtrakt Abb. 3: PW-Dopplerspektrum - Mitralklappe Abb. 4: Gewebedoppler Abb. 5: Gewebedoppler Abb. 6: Hämodynamsiche Evaluierung Abb. 7: Hämodynamische Evaluierung Zum letzten Bild
Film
Film

Keywords: EchokardiographieFallberichtHämodynamische Evaluierung

Vorgeschichte
Bei einem 47jĂ€hrigen Mann besteht ein Z. n. Pankreasresektion sowie teilweiser Ileumresektion bei chirurgischer Sanierung einer ausgedehnten abszedierenden Pseudozyste (infolge rezidivierender Pankreatitiden). Seitdem liegt ein intestinales Malabsorptionssyndrom vor, der Patient muß infolgedessen tĂ€glich selbst ĂŒber einen Port-a-cath-Katheter zusĂ€tzlich parenterale ErnĂ€hrung applizieren. Er gelangt hochfiebernd im Bild eines septischen Schocks an der internistischen Intensivstation zur Aufnahme, der Port-acath wird sofort explantiert, es entleert sich dort massiv Pus. Der Patient wird schnell beatmungspflichtig und intubiert (BIPAP mit Druckniveaus 25/10), der Blutdruck ist 90/60 mmHg, f 95/Min. Im EKG zeigt sich zusĂ€tzlich das Bild einer akuten VorderwandischĂ€mie.
Echokardiographie
Es wird eine transthorakale Echokardiographie zur hĂ€modynamischen Evaluierung durchgefĂŒhrt. Von apikal (Film 1 und 2) zeigt sich eine ausgedehnte Akinesie der Vorderwand bei sehr gut kontraktilem Restmyokard, die Linksventrikelfunktion wird damit in Summe als mittelgradig reduziert eingeschĂ€tzt. Mittels PW-Doppler wird im LV-Ausflußtrakt (Film 3) das Velocity-Time-Integral (FlĂ€che unter der Flußkurve, Abb. 1) berechnet, von parasternal wird der Ausflußtraktdurchmesser bestimmt (Abb. 2). Aus diesen Werten (bei ausreichender Mittelung) und der Herzfrequenz von 98/Min. (vom EchogerĂ€t automatisch ĂŒbernommen via EKG) errechnet das GerĂ€t ein Schlagvolumen von 58 ml (mĂ€ĂŸig erniedrigt) und ein Herzzeitvolumen von 5,7 l/Min., entsprechend einem Herzindex von 3,6 l/Min./m2 (oberer Normbereich). Im Mitralklappendoppler (PW-Sample zwischen den geöffneten Segelspitzen, Abb. 3) zeigt sich E > A (E-Welle 0,6 m/s, E/A-Ratio 1,3). Zur Differenzierung zwischen normalem und pseudonormalem Mitralismuster wird ein Gewebedoppler am medialen Mitralanulus durchgefĂŒhrt (Abb. 4), die Messung ergibt ein E‘ von 0,088 m/s; daraus errechnet sich eine E/E‘-Ratio von 6,8 – es liegt ein normales FĂŒllungsmuster vor und somit bestehen normale FĂŒllungsdrĂŒcke. Die hĂ€modynamische Evaluierung zeigt somit das Bild eines septischen Schocks (hohes HZV bei niedrigen FĂŒllungsdrĂŒcken), ĂŒberlagert durch die doch mĂ€ĂŸig reduzierte Pumpfunktion bei MyokardischĂ€mie, in Summe ein Herzindex im oberen Normbereich, die FĂŒllungsdrĂŒcke sind normal. Als Konsequenz erhĂ€lt der Patient reichlich Volumen, dazu einen Vasokonstriktor (Noradrenalin-Perfusor). Auf positiv inotrope Medikation wird angesichts der guten Funktion des nichtischĂ€mischen Myokards verzichtet. Im weiteren Verlauf werden massive Plusbilanzen und hohe Vasokonstriktorendosen inkl. Vasopressin notwendig, bei hohem Beatmungsaufwand im ARDS kann in der Akutphase keine Koronarangiographie durchgefĂŒhrt werden. Nach langem kompliziertem Intensivaufenthalt kann er nach 8 Wochen schließlich entlassen werden.
Kommentar
Bisher war der Pulmonaliskatheter der Goldstandard in der hĂ€modynamischen Beurteilung von Intensivpatienten. Die Echokardiographie kann jedoch in vielen FĂ€llen vergleichbare hĂ€modynamische Daten bei deutlich geringerer InvasivitĂ€t und Komplikationsrate liefern, sie bietet zudem noch das weite Spektrum kardialer Diagnostik an. Das „AbschĂ€tzen“ der Linksventrikelfunktion ist die am meisten verwendete Methode zur Evaluierung der kardialen Pumpleistung, der erfahrene Untersucher kann die Ejektionsfraktion auch bei schlechter SchallqualitĂ€t (beim Intensivpatienten hĂ€ufig infolge Beatmung, Ödemen, 
), bei regionalen Wandbewegungsstörungen, bei schrĂ€ger Anlotung oder von subkostal hinreichend genau und sehr schnell einschĂ€tzen. Zudem wird dabei schon auf den ersten Blick die Frage beantwortet, ob positiv inotrope Medikation sinnvoll ist. Mit der dopplerechokardiographischen Bestimmung des Herzzeitvolumens ĂŒber den LV-Ausflußtrakt steht eine Methode zur VerfĂŒgung, die gute Korrelation mit dem invasiv via Pulmonaliskatheter und Thermodilution gemessenen Herzindex zeigt. Die Bestimmung der FĂŒllungsdrĂŒcke zur weiteren Steuerung der Volumstherapie war bisher eine DomĂ€ne des Pulmonaliskatheters in Form des pulmonalkapillĂ€ren Verschlußdruckes (PCWP). Hier bietet die Echokardiographie eine ganz wertvolle, nichtinvasive Alternative in Form der Evaluierung der diastolischen Funktion an. Zum Einsatz kommen beim Intensivpatienten vor allem das Einstrommuster ĂŒber der Mitralklappe (E- und A-Welle) und als sehr wichtige ErgĂ€nzung der Gewebedoppler (E‘, E/E‘-Ratio), der die Geschwindigkeit der Relaxation des Myokards am medialen Mitralanulus mißt (Abb. 5) – es gelingt damit leicht die Einordnung in die Untergruppen der diastolischen Funktionsstörungen:
a) Normal: E > A, E‘ > 0,08 m/s, E/E‘ < 10, anamnestisch junges gesundes Herz
b) Relaxationsstörung: E < A, E‘ < 0,07 m/s, E/E‘ < 10, bei Alter ĂŒber 60 Jahren physiologisch. Bei a und b sind die FĂŒllungsdrĂŒcke normal, weitere Volumszufuhr ist möglich.
c) Pseudonormal: E > A, E‘ < 0,07 m/s, E/E‘ > 13, krankes Herz – alter Patient
d) Restriktiv: E >> A (E/A > 2), E‘ < 0,07 m/s, E/E‘ > 15 Bei c und d sind die FĂŒllungsdrĂŒcke mit hoher SensitivitĂ€t und SpezifitĂ€t (80 %) erhöht, der Patient wird von weiterer Plusbilanzierung eher nicht profitieren und sollte eventuell sogar entwĂ€ssert werden.
Die E/E‘-Ratio zeigt eine gute Korrelation mit dem invasiv gemessenen PCWP, sie ist besonders in der Differenzierung zwischen „normal“ und „pseudonormal“ eine wertvolle Hilfe und bei entsprechender Mittelung vieler SchlĂ€ge auch bei Vorhofflimmern (fehlendes A) gut einsetzbar. Bei der Beurteilung der E/A-Ratio ist auf eine mögliche VerfĂ€lschung durch ein „weak atrium“ (nach Vorhofflimmern) oder eine E/AVerschmelzungswelle (bei Sinustachykardie oder AV-Block 1) zu achten, auch eine wirksame Mitralstenose, Mitralinsuffizienz oder Aorteninsuffizienz verhindern die Beurteilung.
Zusammenfassend bietet die Echokardiographie in vielen FĂ€llen eine suffiziente Beurteilung der HĂ€modynamik beim Intensivpatienten, und es kann hĂ€ufig auf den Pulmonaliskatheter verzichtet werden, insbesonders auch zur Bestimmung der FĂŒllungsdrĂŒcke. Als ErgĂ€nzung bei transthorakal nicht ausreichender Information kann eine transösophageale Echokardiographie durchgefĂŒhrt werden. Aus PraktikabilitĂ€tsgrĂŒnden ist eine Echokardiographie 1–2× pro Tag oder bei gravierenden klinischen Änderungen möglich. Ist ein Patient jedoch höchst instabil und ein engmaschigeres Monitoring nötig, sollten andere Methoden (Pulmonaliskatheter, PICCO, 
) zum Einsatz kommen. In Summe bietet die Echokardiographie einen ganz wesentlichen Puzzlestein in der Beurteilung des klinischen Gesamtbildes, ohne den die Intensivmedizin nicht mehr denkbar ist.
copyright © 2003–2026 Krause & Pachernegg