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Disruptive Effekte der COVID-19-Pandemie auf soziale und sexuelle Beziehungen als Risikofaktor für die mentale und körperliche Gesundheit // Disruptive effect of COVID-19 pandemic on social and sexual relationship

Journal für Reproduktionsmedizin und Endokrinologie - Journal of Reproductive Medicine and Endocrinology 2021; 18 (1): 25-28

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Keywords: BeziehungszufriedenheitBindungCOVID-19COVID-19-Pandemiementale GesundheitSexualität

Disruptive Effekte der COVID-19-Pandemie auf soziale und sexuelle Beziehungen als Risikofaktor für die mentale und körperliche Gesundheit

L. Hatzler

Eingegangen am 9. November 2020, angenommen am 17. November 2020 (verantwortlicher Rubrik-Herausgeber: C. Thaler, München)

Aus dem Institut für Sexualwissenschaft und Sexualmedizin, Charité – Universitätsmedizin Berlin

Korrespondenzadresse: Dr. med Laura Hatzler, M.D., Institut für Sexualwissenschaft und Sexualmedizin, Charité – Universitätsmedizin Berlin, D-10117 Berlin, Charité Platz 1; E-Mail: laura.hatzler@charite.de

Die Auswirkungen der Corona-Pandemie auf das sexuelle Verhalten und die Konsequenzen für die klinische Praxis ließen sich in dieser nie dagewesen Situation nur schwer vorhersehen. Dieser Übersichtsartikel soll erste Ergebnisse aus internationalen Quer- und Längsschnittstudien zusammenfassen, isolationsbedingte Veränderungen sozialer Kontakte darstellen und im Vergleich mit Narrativen aus dem gesellschaftlich-medialen Diskurs diskutieren. Erste Belege zeichnen ein Bild von disruptiven Effekten der COVID-19-Pandemie auf das sexuelle Verhalten für Menschen mit und ohne Partnerschaften. Da sexuelle Gesundheit ein wichtiger Aspekt körperlicher und mentaler Gesundheit ist und partnerschaftliche Beziehungen eine potentielle Ressource im Umgang mit Stressfaktoren in der aktuellen Pandemie sind, sollten diese daher im klinischen und wissenschaftlichen Kontext adressiert werden.

Schlüsselwörter: Beziehungszufriedenheit, Bindung, Sexualität, COVID-19, Pandemie, mentale Gesundheit

Disruptive effect of COVID-19 pandemic on social and sexual relationship. The impact of the corona pandemic on sexual behavior and its consequences for the clinical practice were hard to predict, given its unique character. This review article aims to summarize the first results from international cross-sectional and longitudinal studies, and to discuss these recent findings in the context of data on the impact of former health-related in social distancing measures on mental health and the narratives from the discourse in German-speaking media. Initial evidence indicates a disruptive effect of the COVID-19 pandemic on sexual behavior for people with and without relationships. Sexual health is an important aspect of physical and mental health. As relationships are a potential resource in coping with stressors in the current pandemic. Sexual health and relationships should therefore be addressed in clinical and scientific contexts. J Reproduktionsmed Endokrinol 2021; 18 (1): 25–8

Key words: relationship satisfaction, binding, sexuality, COVID-19 pandemic, mental health

Abkürzungen

COVID-19 Coronavirus disease

HPA Hypothalamus-Hypophysen-Nebennierenrinden-Achse

SARS-CoV-2 Acute Respiratory Syndrome Coronavirus-2

WHO Weltgesundheitsorganisation

Einleitung

Im Dezember 2019 gab es erste Meldungen über Ausbrüche des neuartigen Coronavirus, SARS-CoV-2, in China. Zügig kam es zu einer konsekutiven Ausbreitung des Virus, der zu der potentiell tödlich verlaufenden Erkrankung ­COVID-19 führt. Am 11. März 2020 erklärte die Weltgesundheitsorganisation (WHO) den COVID-19-Ausbruch zur Pandemie [1]. International sahen sich Regierungen mit der Herausforderung konfrontiert, Maßnahmen zur Eindämmung der Infektionsraten zu erlassen, die immer auch mit weitreichenden Konsequenzen für die ökonomische, politische und soziale Ordnung einhergehen können. In Deutschland erließ die Bundesregierung am 22. März 2020 ein Maßnahmenpaket, das auch Regelungen zur Beschränkung und Minimierung sozialer Kontakte enthielt.

Ein biopsychosoziales Verständnis von Gesundheit und Krankheit legt nahe, dass tiefgreifende Veränderungen in der sozialen Ordnung auch Auswirkungen auf soziale Beziehungen im privaten Umfeld und im biopsychologischen Gefüge von Menschen haben. Welche Konsequenzen Einschränkungen für partnerschaftliche Beziehungen und sexuelle Kontakte haben könnten, war zu Beginn der Pandemie aufgrund fehlender Evidenz aus vergleichbaren Situa­tionen nicht abzuschätzen. Noch immer sind Annahmen bezüglich der kurz- und langfristigen Auswirkungen dieser Einschränkungen auf Sexualität und Partnerschaften hypothetisch.

Um einen Überblick über den aktuellen Kenntnisstand zu ermöglichen, sollen im Folgenden (i) Daten aus der Vergangenheit, die Anhaltspunkte für mögliche Effekte durch isolationsbedingte Veränderungen sozialer Kontakte geben, mit (ii) Übersichtsarbeiten zu ersten Reaktionen im gesellschaftlich-medialen Diskurs und (iii) ersten Ergebnissen aus internationalen Quer- und Längsschnittstudien zusammengefasst und verglichen werden.

Kenntnisstand vor der Pandemie zur Auswirkung von sozialer Isolation

Deutschland und der größte Teil der europäischen Bevölkerung war durch den Erlass von Kontaktbeschränkungen mit einer bis dahin beispiellosen Situation konfrontiert. Vergleichbare Eingriffe in die Sphäre von privaten sozialen Beziehungen durch behördliche Einschränkungen hatte es in der jüngeren Vergangenheit demokratisch-liberal geprägter Staaten in Europa nicht gegeben. Betrachtet man Studien zu Epidemien und Naturkatastrophen, zeichnen diese ein teils widersprüchliches Bild aus sowohl positiven als auch negativen Effekten auf Gesundheit und partnerschaftliches bzw. sexuelles Verhalten. Ergebnisse aus der Sexualwissenschaft und Bindungsforschung, die im Folgenden dargestellt werden, zeigen Zusammenhänge potentieller Effekte der COVID-19-Pandemie mit Sexualität und Partnerschaften auf.

Disruptive Effekte sozialer ­Isolation

Mentale und körperliche ­Gesundheit

Daten zur Abschätzung von Folgen sozialer Isolation im Zusammenhang mit Pandemien stammen primär aus vergleichbaren Situationen mit behördlich verordneten Kontaktbeschränkungen zur Eindämmung infektiöser Erkrankungen wie der der SARS- (Severe Acute Respiratory Distress Syndrome-) Epidemie 2003 in China und Kanada oder dem Ebola-Ausbruch 2014 in Afrika. Systematische Analysen zeigen negative Effekte von sozialer Isolation auf verschiedene Aspekte mentaler Gesundheit: Symptome von posttraumatischen Belastungsstörungen, Depressionen, Angststörungen, Verwirrung und Wut [2]. Zu den signifikanten Risikofaktoren dieser Phänomene zählen eine längere Quarantänedauer, Infektionsängste, Frustration, Langeweile, unzureichende Informationen, Verschlechterung der finanziellen Situation und Stigmatisierung. Auch für die körperliche Gesundheit konnte die zentrale Bedeutung von zwischenmenschlichen Bindungen vielfach in Studien belegt werden. Es zeigt sich, dass stabile soziale Beziehungen stärkere Effekte auf das Mortalitätsrisiko haben als einzelne der führenden bekannten Risikofaktoren (wie bspw. Rauchen, Adipositas oder Bluthochdruck) [3].

Sexuelle Gesundheit und Partnerschaft

Des Weiteren sind Zusammenhänge zwischen sexueller und mentaler Gesundheit länger bekannt. Der Zusammenhang zwischen Beeinträchtigungen der mentalen Gesundheit, wie Depression oder Angststörungen, mit Symptomen sexueller Funktionsstörungen, wie der Abnahme der sexuellen Erregung und des sexuellen Verlangens, konnte bereits in zahlreichen Studien aufgezeigt werden [4–6]. Die Verortung von Sexualität in einem biospsychozialen Kontext eröffnet darüber hinaus eine Perspektive, in der das Potential protektiver Effekte von Sexualität und Partnerschaft auf körperliche und mentale Gesundheit erkannt werden kann. Begrifflich ist es hierbei von Bedeutung, Abstand zu nehmen von einer eindimensionalen Sichtweise, die Sexualität auf eine rein genitale Interaktion reduziert. Dies gewinnt an Bedeutung unter dem Gesichtspunkt, dass bereits körperliche Berührungen durch vertraute Personen oder nonverbale Kommunikation in intimen Paarbeziehungen (vermittelt über die Hypothalamus-Hypophysen-Nebennierenrinden-Achse [HPA-Achse]) zu einer Reduzierung von Stress führen kann [7, 8]. Darüber hinaus zeigt sich Beziehungszufriedenheit als ein evidenter protektiver Faktor hinsichtlich des Mortalitätsrisikos [9]. Die Erfahrung der Erfüllung menschlicher Grundbedürfnisse nach Nähe, Sicherheit und Geborgenheit ist jedoch nicht in jeder Beziehung gegeben. So gelingt es nicht allen Paaren, diese Form von Zufriedenheit in der Beziehung zu erlangen, um diese als Ressource zur Reduzierung von Stress zu nutzen. Die Fähigkeit zu gegenseitig wohlwollender und unterstützender Interaktion in Stresssituationen wird als der ausschlaggebende Faktor für Zufriedenheit in einer Paarbeziehung gesehen [10].

Die Fokussierung auf die Beziehungs­dimension spielt daher auch als therapeutischer Ansatz in der Sexual- und Paartherapie eine wichtige Rolle [11]. Zieht man diese Erkenntnisse in Betracht, wird die dringende Implikation für eine Nutzung der Ressourcen Sexualität und Partnerschaft im Umgang mit Stressfaktoren während der Pandemie deutlich. Die Beeinträchtigungen im Bereich Sexualität und Partnerschaft müssen daher als Risikofaktor für die mentale und körperliche Gesundheit betrachtet werden.

Steigerung des sexuellen und reproduktiven Verhaltens

Im Gegensatz zu Studien, die Hinweise auf negative Auswirkungen der Pandemie auf die sexuelle und psychische Gesundheit liefern, deuten andere Studien auf positive Effekte von Krisensituationen auf sexuelle Funktionen und Verhaltensweisen hin. Einige Studien konnten Zusammenhänge von Naturkatastrophen (z. B. Hurrikans) und einem Anstieg von Geburtenraten in Küstengebieten aufzeigen [12]. Als Erklärung hierfür wird beispielsweise eine Zunahme des sexuellen Verlangens als Bewältigungsmechanismus im Angesicht lebensbedrohlicher Ereignisse genannt [13].

Longitudinale Ereignisse aus Krisen­situationen wie dem Hurrikan „Hugo“ im Jahr 1989 gehen eher von Krisen als Impulsgeber für lebensverändernde Handlungen aus. Diese können sowohl zur Spaltung als auch zu einer Verfestigung von Bindungen führen [14]. Diese Daten sind jedoch rar und nur bedingt mit der Situation in der aktuellen Pandemie zu vergleichen, da hier von einer langanhalten Bedrohung mit langfristigen Beschränkungen von sozialen Kontakten zu rechnen sein muss.

Mediale Darstellungen

Trotz der begrenzten Datenlage bezüglich positiver Effekte der Pandemie auf sexuelle und partnerschaftliche Beziehungen, gab es zahlreiche mediale Beiträge und anekdotische Beschreibungen davon, wie Menschen (sowohl in Beziehung als auch ohne Beziehung) in den außergewöhnlichen Umständen jeweils mit der Gestaltung ihrer Sexualität umgehen.

Systematisch aufgearbeitet wurde die mediale Debatte von Döring und ­Walter 2020 [15] in einer quantitativen Inhalt­analyse von 301 Medienbeiträgen (erschienen im Zeitfenster von Februar bis März 2020 in Deutschland, Österreich und der Schweiz). Zum Thema partnerschaftlicher Sexualität ergaben sich dabei Narrative, die insgesamt von einer Zunahme der gemeinsamen Zeit in der Häuslichkeit auf eine Zunahme der sexuellen Kontakte von Menschen in Beziehungen ausgingen. Die Annahme einer Intensivierung von Bindungen und der lebensbejahenden Erfahrung von Sexualität mit reproduktiver Absicht im Angesicht einer potentiell lebensbedrohlichen Pandemie führten zu der Schlussfolgerung eines erwarteten Anstiegs der Geburtenrate.

Auch negative Effekte wie eine Zunahme von Scheidungsraten aufgrund der durch die Pandemie und die dadurch ausgelösten Stressfaktoren wie beengtem Wohnraum, Arbeitsplatzverlust u. a. fand sich als Narrativ im medialen Diskurs wieder. Nutzerdaten über den Konsum von Pornografie [16] und journalistische Artikel über die zunehmende Nutzung von anderen technologiebasierten sexuellen Praktiken (z. B. Verwendung von Sexspielzeug, Sexting, Cybersex) [15] ließen einen zunehmenden Einbezug bzw. Nutzung technischer und digitaler Angebote in sexuelle Praktiken vermuten.

Erste Ergebnisse aus der Pandemie

Mentale Gesundheit

Auch die aktuelle Pandemie geht mit Beschränkungen der sozialen Interaktion einher, die zu Gefühlen sozialer Isolation und/oder Einsamkeit führen können. Auf Basis der Daten aus der Vergangenheit ergibt sich eine erhöhte Wahrscheinlichkeit für höhere Prävalenzen von psychischen Belastungen wie Depressionen und Angststörungen [17]. Es ist davon auszugehen, dass die sozialen Kontaktbeschränkungen, die aufgrund der ­COVID-19-Pandemie eingeführt wurden, zu erheblichen Auswirkungen auf die psychische Gesundheit und das psychische Wohlbefinden der davon betroffenen Bevölkerung führen werden [18].

Am 5. Oktober 2020 legte die WHO einen Bericht vor, der die disruptiven Einflüsse der COVID-19-Pandemie auf Einrichtungen für mentale Gesundheit und Substanzmittelgebrauch darstellt [19]. Obwohl 116 (89 %) der Länder planten, Maßnahmen zum Schutz oder Verbesserung der mentalen Gesundheit ihrer Bürger in ihre nationalen ­COVID-19-Reaktionspläne zu integrieren, gaben hingegen nur 17 % an, dafür auch zusätzliche finanzielle Mittel bereitgestellt zu haben [18]. Die Notwendigkeit, qualitativ hochwertige multidisziplinäre Forschungsvorhaben mit internationaler Vernetzung zu fördern und durchzuführen, ist unabdingbar [17]. Dabei sollten Effekte der Pandemie für die allgemeine Bevölkerungen und vulnerable Gruppen herausgearbeitet und Lücken in der Versorgung aufgezeigt werden, um dahingehend Empfehlungen für die klinische Arbeit und die Präven­tion von psychischen Erkrankungen geben zu können.

Sexuelles Verhalten

Internationale Forschungsteams haben weltweit in Quer- und Längsschnittstudien die Auswirkungen der Pandemie untersucht und dabei insbesondere den Fokus auf die damit verbundenen behördlichen sozialen Kontaktbeschränkungen und die Auswirkungen auf das Sexualverhalten von Menschen mit und ohne Partnerschaften gelegt. Insgesamt konnte in Studien, die während der ersten Phase von Kontaktbeschränkungen im Frühjahr 2020 durchgeführt wurden, festgestellt werden, dass Menschen mit vielfältigen Änderungen ihres Sexualverhaltens auf diese Einschränkungen reagieren. Die Ergebnisse von Studien aus Deutschland [20], China [21], Großbritannien [22], Frankreich [23], Italien [24], Polen [25], der Türkei [26] und ­einer internationalen Online-Umfrage aus den USA [27] bieten erste Hinweise darauf, welche im Folgenden zusammengefasst werden sollen. Dabei sollte beachtet werden, dass eine Vielzahl der genannten Studien deskriptiv und daher nicht geeignet sind, ein klares Bild mit klinischen Implikationen zu zeichnen. Mehrheitlich deutet sich jedoch ein Trend zu den disruptiven Effekten der Pandemie auf das Sexualleben an.

Einfluss auf sexuelle Aktivität und Funktion

In einer prospektiven Studie aus Polen und einer internationalen Querschnitt­erhebung zeigt sich eine signifikante Abnahme des sexuellen Verlangens und der Häufigkeit partnerschaftlicher sexueller Aktivitäten während der Pandemie [25, 27]. In einer prospektiven Untersuchung zum sexuellen Verhalten von Frauen aus der Türkei zeigt sich hingegen eine signifikante Zunahme des sexuellen Verlangens und der Häufigkeit des Geschlechtsverkehrs [26]. Die Studie von Lehmiller et al. (2020) stellt außerdem auch einen Einfluss auf autosexuelle Aktivitäten in Form eines Rückgangs der Masturbationsfrequenz fest. Die deutsche Querschnittserhebung kann diesen Effekt nur bei Teilnehmenden in Partnerschaften feststellen. Menschen ohne Partnerschaft, die statt einer Abnahme eher eine tendenzielle Zunahme der Masturbationsfrequenz zeigten, lebten häufiger alleine oder hatten seltener Kinder zu betreuen. Vermuten lässt sich daher, dass neben einer Abnahme des sexuellen Verlangens auch eine mangelnde Privatsphäre aufgrund der ständigen Anwesenheit von Partnern, Kindern oder Eltern (durch die Schließung von Schulen und Kindertagesstätten u. a. Maßnahmen) eine Rolle bei den Veränderungen sexueller Gewohnheiten gespielt hat. Weiterhin zeigt die Studie aus Deutschland eine klare Tendenz zur Abnahme von körperlichen Kontakten [20]. Dies betrifft auch nicht-genitale Interaktionen wie „Küssen“ und „Umarmen“ in der Partnerschaft. Eine andere Querschnittsstudie aus Italien zeigt auf, dass in der Gruppe von Menschen, die während der Pandemie nicht sexuell aktiv sind (definiert als Geschlechtsverkehr), signifikant häufiger Beeinträchtigungen der mentalen Gesundheit, der sexuellen Funktion und der Beziehungszufriedenheit vorkamen [24]. Diese Beobachtung weist auf positive Zusammenhänge dyadischer Sexualkontakte mit Gesundheit, Sexualität und Partnerschaft hin. Auf Basis der aktuellen Datenlage kann jedoch noch kein Rückschluss auf kausale Zusammenhänge gezogen werden.

Einfluss auf sexuelle Praktiken

Die Erweiterung des sexuellen Repertoires um neue Praktiken ist in der Situa­tion der Pandemie in zweierlei Hinsicht von besonderem Interesse. Einerseits bietet die Anwendung digitaler Kommunikationsmedien (z. B. Sexting, Cybersex etc.) auch im sexuellen und partnerschaftlichen Bereich die Möglichkeit, ohne Infektionsrisiko einen Austausch mit anderen herzustellen, der sich protektiv auf Risikofaktoren für psychische Erkrankungen wie Langeweile und Einsamkeit auswirken kann. Andererseits kann auch die gemeinsame Entdeckung neuer partnerschaftlicher sexueller Praktiken Ausdruck von intimer Kommunikation in der Partnerschaft sein. ­Lehmiller und Kollegen [27] konnten zeigen, dass die Einführung neuer Sexualpraktiken positiv mit der wahrgenommenen Lebensqualität seit Beginn der Kontaktbeschränkungen der Pandemie korreliert. Darüber hinaus analysierten Lehmiller et al. [27] relevante Faktoren im Zusammenhang mit einer Erweiterung des sexuellen Repertoires während der Pandemie.

Zusammenfassend lässt sich annehmen, dass jüngere Personen mit niedrigerem sozioökonomischen Status, die sich nicht als Weiß identifizierten und alleine leben, mit größerer Wahrscheinlichkeit neue sexuelle Praktiken in ihr sexuelles Repertoire einbeziehen. Die Erweiterung um neue Praktiken korreliert mit höheren Lebensqualitätsraten und dem Verlangen nach Sex, jedoch auch mit Gefühlen von Einsamkeit und Stress. In der Querschnittserhebung der deutschen Population zeigt sich bei Paaren eine Korrelation der Anzahl von neuen Praktiken im sexuellen Repertoire mit den soziosexuellen Einstellungen [28] und der körperlichen sexuellen Anziehung in der partnerschaftlichen Sexualität [29], nicht aber mit der Beziehungszufriedenheit [30] und emotionalen Nähe in der partnerschaftlichen Sexualität [29, 20]. Dieses Ergebnis legt nahe, dass für die Einbeziehung neuer sexueller Praktiken viel mehr intrapersonelle Charakteristika als beziehungsassoziierte Faktoren eine Rolle spielen. Weiterhin kann vermutet werden, dass Paare, deren Beziehungszufriedenheit und deren Beziehungsdimension während der Sexualität ohnehin stark ausgeprägt ist, in einer Stresssituation weniger Notwendigkeit verspüren, ihr sexuelles Verhalten während der Pandemie anzupassen und die Stressreduktion auf anderer Ebene erfolgt. Ob und welche neuen Praktiken, digitale Medien und Art der partnerschaftlichen Bindung und Kommunikation in der Pandemie tatsächlich auch langfristige Effekte auf die sexuelle Zufriedenheit, Beziehungszufriedenheit und mentale Gesundheit haben, muss in zukünftigen Studien geklärt werden.

Schlussfolgerung

Disruptive Auswirkungen der COVID-19-Pandemie auf das sexuelle Verhalten konnten durch internationale Studienteams für Menschen mit und ohne Partnerschaften weltweit aufgezeigt werden. Sexuelle Gesundheit ist ein wichtiger Aspekt der körperlichen und mentalen Gesundheit. Sexuelle Beziehungen, als Teil intimer sozialer Beziehungen, sind eine potentielle Ressource im Umgang mit Stressfaktoren in der aktuellen Pandemie und der damit einhergehenden Beschränkung sozialer Kontakte. Sexualität und Partnerschaft haben durch ihre stressreduzierende Wirkung das Potential protektiver Effekte hinsichtlich mentaler und körperlicher Gesundheit. Das ärztliche Gespräch kann der erste Schritt sein für weitere Maßnahmen und sollte daher von ärztlicher Seite aktiv angeboten werden.

Weitere Studien sind erforderlich um herauszuarbeiten, welche Aspekte in der Sexualität und Partnerschaft entscheidend sind, um das protektive Potential auszuschöpfen. Diese Daten sind der Schlüssel für die konkretere Ausrichtung der klinischen Versorgung und präventiver Maßnahmen.

Interessenkonflikt

Die Autorin gibt an, dass kein Interessenkonflikt besteht.

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