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Effekte psychosozialer Interventionen auf Lebensqualität und Schwangerschaftsraten bei infertilen Frauen und Männern – ein Update // Effects of psychosocial interventions on quality of life and pregnancy rates in infertile couples – an update Journal für Reproduktionsmedizin und Endokrinologie - Journal of Reproductive Medicine and Endocrinology 2025; 22 (2): 59-63 Volltext (PDF) Volltext (HTML) Summary Praxisrelevanz Keywords: Kinderwunschberatung, Meta-Analyse, Psychotherapie, Reproduktionsmedizin, systematischer Review, infertility counseling, meta-analysis, psychotherapy, systematic review Effekte psychosozialer Interventionen auf Lebensqualität und Schwangerschaftsraten bei infertilen Frauen und Männern – ein UpdateT. Wischmann Eingelangt am: 19.11.2024, angenommen nach Revision am: 27.01.2025 [verantwortlicher Rubrikherausgeber: H. Kentenich, Berlin] Aus der Privatpraxis für Supervision und Analytische Psychologie, Heidelberg, Deutschland Korrespondenzadresse: Prof. Dr. Tewes Wischmann, Privatpraxis für Supervision und Analytische Psychologie, c/o PIH, Ringstraße 19a, D-69115 Heidelberg, Deutschland, Kurzfassung: Ziel: Frauen und Männern mit Fertilitätsstörungen werden – neben medizinisch assistierter Reproduktion – auch psychosoziale Interventionen empfohlen. Allerdings sind deren Wirkungen auf die Lebensqualität und auf die Schwangerschaftsraten nicht gesichert. Methoden: Nachfolgend zu Wischmann T. 2017 [1] werden hier die seit 2016 erschienenen Meta-Analysen von randomisierten kontrollierten Studien (RCTs) zur Wirksamkeit psychosozialer Interventionen bei Fertilitätsstörungen referiert und evaluiert. Ergebnisse: Es konnten 15 Meta-Analysen von RCTs identifiziert werden. Insgesamt ergeben sich bei Frauen positive Effekte in Bezug auf Depressivität und tendenziell auf Ängstlichkeit. Erhöhte Schwangerschaftsraten erscheinen aufgrund einzelner Studienausreißer fragwürdig. Fazit: Trotz der Vielzahl der zwischenzeitlich erschienenen Meta-Analysen lassen sich mehr als zwanzig Jahre nach dem ersten Review zum Thema von Boivin [2] immer noch keine konsistenten Aussagen zu den Effekten psychosozialer Interventionen bei Fertilitätsstörungen machen. Auch wenn es Hinweise auf positive Effekte bezüglich Depressivität, Ängstlichkeit und Schwangerschaftsraten bei Frauen mit Kinderwunsch gibt, verunmöglichen die sehr große Heterogenität und insbesondere die methodischen Unzulänglichkeiten der vorliegenden RCTs weiterhin eine zusammenfassende valide Bewertung der Effekte. Schlüsselwörter: Kinderwunsch-Beratung, Psychotherapie, systematischer Review, Meta-Analyse Abstract: Effects of psychosocial interventions on quality of life and pregnancy rates in infertile couples – an update. Aim: In addition to medically assisted reproduction, psychosocial interventions are also recommended for women and men with fertility problems. However, their effects on quality of life and pregnancy rates are not certain. Methods: Following on from Wischmann T, 2017 [1], the meta-analyses of randomized controlled trials (RCTs) published since 2016 on the effectiveness of psychosocial interventions for fertility disorders are reported and evaluated here. Results: 15 meta-analyses of RCTs were identified. Overall, there were positive effects in women in relation to depression and a tendency towards anxiety. Increased pregnancy rates appear questionable due to individual study outliers. Conclusion: Despite the large number of meta-analyses that have been published in the meantime, more than twenty years after the first review on the topic from Boivin [2], it is still not possible to make any consistent statements on the effects of psychosocial interventions in fertility disorders. Even if there is evidence of positive effects on depression, anxiety and pregnancy rates in women who wish to have children, the great heterogeneity and, in particular, the methodological shortcomings of existing RCTs continue to make a summarized valid evaluation of these effects impossible. J Reproduktionsmed Endokrinol 2025; 22 (2): 59–63. Keywords: infertility counseling, psychotherapy, systematic review, meta-analysis EinleitungUngewollte Kinderlosigkeit wird von den meisten betroffenen Personen als emotional belastend erlebt [3]. Dazu kommt die medizinisch assistierte Reproduktion (MAR) mit ihrer „Achterbahn der Gefühle“, die oft eine zusätzliche Belastung darstellt [4]. Angststörungen, Depressionen oder Stress im Rahmen der MAR führen allerdings nicht per se zu negativem Outcome (erniedrigte Schwangerschaftsrate) [5–7], außer es liegt eine verhaltensbedingte Fertilitätsstörung vor [8]. Schließlich ist noch immer der Misserfolg einer IVF- (In-vitro-Fertilisation-) oder ICSI- (intrazytoplasmatische Spermieninjektion-) Behandlung wahrscheinlicher als der Erfolg [9], so dass ein Großteil der Paare die MAR ohne Kind beendet muss [10]. Aus diesen genannten Gründen werden – sofern verfügbar – betroffenen Frauen und Männern psychosoziale Interventionen (z. B. Beratungsgespräche) zur Unterstützung empfohlen. Die Effekte solcher Interventionen sind jedoch unklar, zumindest aus wissenschaftlicher Sicht. Eine in dieser Zeitschrift 2017 veröffentlichte Übersichtsarbeit zum Thema kam zum Fazit, dass „sich immer noch keine zuverlässigen Aussagen über die Effekte“ zu psychosozialen Interventionen bei Fertilitätsstörungen machen lassen können [1]. Wie der aktuelle Wissenstand dazu jetzt ist, wird im nachfolgenden Update dieser Arbeit dargestellt werden. Material und MethodeIm April 2024 wurde eine Artikelsuche (nur englischsprachig) in PubMed mit folgendem Such-String durchgeführt: „(((((infertil*) AND (psych*)) AND (intervention*)) AND (review*)) AND (meta-analys*)) AND ((„2016“[Date – Publication] : „3000“[Date – Publication]))“. Die Suche wurde ab Publikationsdatum 2016 durchgeführt, da vorherige Artikel bereits in [1] aufgenommen worden waren. Weiterhin beschränkte sich die Suche auf Artikel mit systematischen Reviews und Meta-Analysen, um einen möglichst hohen wissenschaftlichen Standard abzubilden. Diese Suche ergab 39 Treffer, die „manuell“ gesichtet und bewertet wurden; übrig blieben 28 Publikationen (s. Tab. 1). Bei Beschränkung ausschließlich auf Meta-Analysen von randomisiert kontrollierten Studien (RCTs) verbleiben 15 Studien in der Auswertung (fett markiert in Tab. 1). ErgebnisseDie Auswertung dieser 15 Analysen ergab sehr heterogene allgemeine und spezifische Ergebnisse (s. Tab. 1): So waren in manchen Analysen nur spezifische psychologische Verfahren evaluiert worden, z. B. nur Musiktherapie in [11], nur „Mindfulness-basierte“ Studien in [12], oder es waren nur spezifischen Settings einbezogen worden, z. B. nur Gruppeninterventionen in [13]. Da in den den jeweiligen Meta-Analysen zugrunde gelegten Studien überwiegend ausschließlich Frauen untersucht worden waren, lassen sich die hier berichteten Effekte nur auf diese Gruppe verallgemeinern. In Bezug auf psychologische Variablen (wie z. B. Depressivität, Ängstlichkeit, subjektiver Disstress, Lebensqualität, Partnerschafts- und sexuelle Zufriedenheit) zeigen die Ergebnisse zusammengefasst, dass Depressivität bei Frauen nach den Ergebnissen vieler Meta-Analysen durch psychosoziale Interventionen positiv beeinflusst wird. Gleiches – wenn auch nicht so eindeutig – lässt sich in Bezug auf Ängstlichkeit sagen, während die Ergebnisse zu (fertilitätsbezogenem) Disstress, Lebens- und Partnerschaftszufriedenheit inkonsistent sind. Bezüglich Schwangerschaftsraten ergibt sich zusammengefasst eine insgesamt leichte Erhöhung der Schwangerschaftsraten nach psychosozialen Interventionen, wobei hier kein (psycho-) therapeutischer Ansatz eindeutig überlegen scheint. Diese (tendenziellen) Ergebnisse werden allerdings durch viele Einschränkungen stark relativiert. Exemplarisch sollen hier die Kritikpunkte von [14–16] aufgeführt werden. Dube et al. [14] machen darauf aufmerksam, dass knapp die Hälfte (n = 25) der analysierten 51 Studien zu psychologischen Effekten im Mittleren Osten durchgeführt wurden und mit einem Hedges‘ g von 1,40 insgesamt eine sehr hohe Effektstärke aufwiesen, während in den anderen Studien (außerhalb des Mittleren Ostens) die kombinierte Effektstärke mit g = 0,23 durchweg klein war [die Effektstärke Hedges‘ g gibt die klinische Relevanz von signifikanten Unterschieden an: bei g < 0,2 sind die Unterschiede klinisch irrelevant, bei g ? 0,8 hingegen sehr bedeutsam]. Eine eindeutige und schlüssige Erklärung für diesen regionalen Unterschied kann die Autorengruppe nicht geben [14]. Koumparou et al. [15] und Kremer et al. [16] gehen differenzierter auf die methodischen Einschränkungen der jeweils untersuchten Reviews und Meta-Analysen ein. So stellte die erstgenannte Autorengruppe fest, dass bei der Untersuchung der Hauptursachen für die Heterogenität die Infertilitätsursache in den vier der untersuchten sechs Meta-Analysen weder untersucht noch erwähnt wurden. Ebenso sei die Spannweite der in den Meta-Analysen miteinander verglichenen psychosozialen Interventionen sehr heterogen: von einem Interventionstypus bis zu 14 verschiedenen Arten. Einzelstudien, welche psychosoziale Interventionen begleitend zu IVF bzw. ICSI untersuchten, wurden zusammengefasst, obwohl unklar blieb, welche Protokolle der MAR angewandt worden waren (z. B. Zahl transferierter Embryonen, Tag des Embryotransfers, im homologen oder im heterologen System [15], p. 237). Kremer et al. [16] weisen in ihrer differenzierten methodischen Kritik u. A. auf die sehr heterogenen Post-Messzeitpunkte bezüglich der psychologischen Outcome-Variablen (wie Depressivität, Ängstlichkeit) der untersuchten zehn Studien hin: z. B. am Tag der Eizellenpunktion, drei bis sieben Tage vor dem Embryo-Transfer, am Tag des Embryo-Transfers, direkt nach dem Embryo-Transfer, drei Tage vor dem Schwangerschaftstest, am Tag des Schwangerschaftstests, drei Monate nach psychosozialer Intervention. Es erscheint offensichtlich, dass die psychologischen Outcome-Variablen nicht ausschließlich auf die Interventionen, sondern auch auf die jeweiligen Verläufe der MAR zurückzuführen sind. (Wie viele Eizellen konnten punktiert werden? Wie viele Embryonen welcher Qualität wurden transferiert? Was war das Ergebnis des Schwangerschaftstests?) Bezüglich der Erhöhung der Schwangerschaftsrate durch psychosoziale Interventionen ist auffällig, dass in der Meta-Analyse von [17] zusammengefasst eine OR = 3,85 genannt wird. Diese scheint maßgeblich durch eine Studie geprägt zu sein, in der für die Schwangerschaftsrate eine OR = 14,07 bei 70 „Paaren mit depressivem Partner“ nach kognitiv-behavioraler Psychotherapie plus Gabe eines Antidepressivums berichtet wird (gegenüber 70 nicht-behandelten „Paaren mit depressivem Partner“) [18]. In den 21 von Dube et al. [14] analysierten Studien, die sich mit Schwangerschaftsraten befassten, wurden sechs verschiedene Definitionen der Feststellung einer Schwangerschaft aufgeführt (in vier Studien wurde auf eine solche Definition verzichtet). Ein weiterer Kritikpunkt an den Studien mit Aussagen zu Schwangerschaftsraten ergibt sich aus der Meta-Analyse von [19]: In den dort analysierten 15 RCTs ergab sich zwar eine leicht erhöhte Schwangerschaftsrate nach psychosozialen Interventionen, eine zusammenfassende Aussage über die Lebendgeburtenrate (wie auch über die Abortrate) konnte aber nicht getroffen werden, da diese in den Einzelstudien nicht angegeben worden war. Auch in der Meta-Analyse von Kremer et al. [16] wurden in den 10 dort analysierten Studien keine Geburtenraten berichtet. Die Geburtenraten liegen tatsächlich deutlich unter den klinischen Schwangerschaftsraten [9, 10]. SchlussfolgerungenObwohl nach der zusammenfassenden Evaluation von 2017 [1] inzwischen (mindestens) 15 Meta-Analysen von RCTs zu den Effekten psychosozialer Interventionen bei MAR publiziert worden sind, lassen sich immer noch keine konsistenten Aussagen zu den Effekten psychosozialer Interventionen bei Fertilitätsstörungen machen. Auch für das wachsende Angebot an internetbasierten Unterstützungsprogrammen fehlt bisher eine ausreichende wissenschaftliche Evaluierung [8]. Obwohl es inzwischen Hinweise auf positive Effekte bezüglich Depressivität und Ängstlichkeit (allerdings nicht eindeutig bezüglich Schwangerschaftsraten) bei Frauen in Kinderwunschbehandlung gibt, verunmöglichen die sehr große Heterogenität und insbesondere die methodischen Unzulänglichkeiten vorliegender RCTs weiterhin eine zusammenfassende valide Bewertung der Effekte. Dafür sind methodisch rigorosere Studien zukünftig dringend notwendig. Nach Kremer et al. sollten künftige Studiendesigns eine einzige psychosoziale Intervention beinhalten und einheitliche Messzeitpunkte festlegen. Die Studienteilnehmer sollten in der Studie nur einen ART-Behandlungszyklus erhalten, um einen Vergleich der Ergebnisse zu ermöglichen. Die Daten sollten nicht nur bis zum Schwangerschaftstest, sondern idealerweise auch bis zu 9 Monate später erhoben werden [16]. Mit Koumparou et al. ist zu fordern, dass die Durchführung gut konzipierter klinischer Studien auf der Grundlage strenger Kriterien zur Untersuchung spezifischer Infertilitätsursachen, ähnlicher MAR-Behandlungsprotokolle oder bestimmter Arten psychosozialer Interventionen erfolgen sollte, um zu endgültigen Schlussfolgerungen zu gelangen [15]. Dube et al. weisen darauf hin, dass die derzeit verfügbaren allgemeinen psychosozialen Interventionen spezifischer auf den Umgang der Betroffenen mit der Fruchtbarkeitsstörung zugeschnitten werden sollten [14]. Dazu zählt zudem sicherlich, diese Interventionsinhalte auch auf die Zielgruppe der betroffenen Männer zu adaptieren [20]. Relevanz für die PraxisDiese Feststellung von 2017 bleibt weiterhin gültig: „Da zusammenfassend gesehen schädliche Auswirkungen wissenschaftlich fundierter psychosozialer Interventionen bei Fertilitätsstörungen eher sehr unwahrscheinlich sind und sich zumindest die Tendenz einer besseren Lebensqualität nach Beratung bzw. Psychotherapie in den hier betrachteten Reviews und Meta-Analysen zeigt, sollte Paaren diese Möglichkeit nach Bedarf niedrigschwellig zur Verfügung stehen, zu jedem Zeitpunkt einer reproduktionsmedizinischen Behandlung und auch unabhängig davon. Nach derzeitigem wissenschaftlichem Stand kann eine Erhöhung der Schwangerschaftswahrscheinlichkeit durch solche Interventionen den Paaren allerdings nicht in Aussicht gestellt werden (außer bei verhaltensbedingter Fertilitätsstörung).“ ([1], p. 12) InteressenkonfliktT. Wischmann ist Co-Autor der Publikation [16] und war federführender Koordinator der AWMF-Leitlinie 016-003: „Psychosomatisch orientierte Diagnostik und Therapie bei Fertilitätsstörungen“ [8]. Literatur:
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