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von Otte S  
Kongressbericht: 41. ESHRE-Kongress in Paris: Neuigkeiten aus der Reproduktionsmedizin

Journal für Reproduktionsmedizin und Endokrinologie - Journal of Reproductive Medicine and Endocrinology 2025; 22 (4): 149-150

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Keywords: ESHREKongressbericht

Kongressbericht: 41. ESHRE-Kongress in Paris: Neuigkeiten aus der Reproduktionsmedizin

Autor: PD Dr. med. Sören von Otte

Der 41. Jahreskongress der European Society of Human Reproduction and ­Embryology (ESHRE) fand vom 29. Juni bis 2. Juli 2025 in Paris statt. PD Dr. med. Sören von Otte, Universitäres Kinderwunschzentrum Kiel, berichtet über seine persönlichen Highlights aus dem umfangreichen wissenschaftlichen Programm mit mehr als 80 Sessions.

In der Keynote-Session stellte die Nature-­Autorin Prof. Jennifer Byrne, Austra­lien, vor, wie sie mit „detektivischer Arbeit“ wissenschaftlichen Fälschungen auf die Spur kommt. Entscheidend ist dabei, ­Publikationen mit gefälschten Datensätzen zu erkennen. Sie erklärte dies u.a. am Beispiel von erfundenen Zellinien. „Gefälschte“ Studien stellen für die freie Wissenschaft eine ernste Gefahr dar, weshalb diesbezüglich „detektivische“ Maßnahmen dringend erforderlich sind.

Im weiteren wissenschaftlichen Programm wurden die Highlights u. a. aus den Bereichen Fertilitätserhalt und Onkofertilität, ovarielle Stimulation und „­Frozen Embryo Transfer“ (FET) diskutiert.

Langzeitdaten Onkofertilität

Aktuell rücken zunehmend Langzeitdaten zum Fertilitätserhalt in den Fokus der Forschung. So zeigen Daten aus Kanada und Frankreich bei jüngeren onkologischen Patientinnen hohe Schwangerschafts­raten nach Kryokonservierung von Oozyten und Ovargewebe. Besonders positiv zu bewerten sind die Daten zur Sicherheit und hormonellen Aktivität von Ovargewebe nach Reimplantation.

Fazit: Maßnahmen zur Fertilitätsprävention haben weiterhin einen hohen Stellenwert in der klinischen Praxis. Die zunehmend gute Datenlage zur Effektivität und Langzeitsicherheit sprechen dafür.

„Time to rethink“ – ­Fertilitätserhalt beim ­Mammakarzinom

Das Mammakarzinom stellt als Ursache für fertilitätserhaltende Maßnahmen die häufigste Entität dar. Fraglich ist derzeit allerdings, ob alle Frauen mit der Dia­gnose Mammakarzinom im fertilen Alter Maßnahmen zum Fertilitätserhalt erhalten sollten. Dr. Hatem Azim, Ägypten, vertrat in seinem Vortrag (O- 274) die Position, dass dies nicht bei allen Frauen nötig ist. Vielmehr ist eine individuelle Risikoabschätzung essenziell. Altersabhängigkeit, Tumorstadium, geplanter Therapieablauf und noch (oder nicht mehr) vorhandener Kinderwunsch müssen im Gespräch berücksichtigt werden. Entscheidungsbäume helfen hier bei der Patientinnenselektion.

Gewicht und Reproduktion

Prof. Fionnuala McAuliffe, Irland, Mitglied der FIGO-Kommission zur langfristigen maternalen und fetalen Gesundheit, sprach zum viel diskutierten Zusammenhang von Körpergewicht und Fertilität (O-045). Sie betonte, dass die Adipositas das reproduktive Outcome ab der Menarche bis zur Menopause negativ beeinflusst. Adipositas kann dabei eine gestörte ovarielle Funktion, Anovulation, Endometriumveränderungen und Gestationsdiabetes auslösen. Die frühzeitige Gewichtskontrolle bei Jugendlichen zur Prävention späterer Fertilitätsprobleme ist essenziell. Laut McAuliffe besteht dringender Bedarf an langfristigen Studien zur Ermittlung idealer Gewichtsbereiche während der reproduktiven Jahre.

In einem weiteren Vortrag stellte Prof. David Westergaard, Dänemark, (O-46), erstmals Daten zu Schwangerschaften während des ungeplanten Einsatzes von GLP-1-Agonisten (z. B. Semaglutid) aus dänischen Registern vor. GLP-1-Analoga können zwar eine neuartige und wirksame Therapie im Kontext Kinderwunsch und Adipositas darstellen, werfen jedoch offene Fragen zu Sicherheit und Wirkmechanismen auf. Aufgrund der noch unzureichenden Sicherheitsdaten dürfen diese derzeit nicht bei bestehender Schwangerschaft eingesetzt werden und müssen vor Beginn einer Kinderwunschtherapie abgesetzt werden (meist für mehrere Monate).

Fazit: Die verschiedenen Ansätze im Bereich Gewichtskontrolle, Hormontherapie und Lifestyle-Interventionen müssen noch in robusten klinischen Studien validiert werden.

Innovationen bei Auftau­zyklen

Weitere Highlights im wissenschaftlichen Programm stellten die Präsentationen von Vergleichsstudien zu natürlichen vs. programmierten Kryozyklen dar. Dr. ­Ze Wang, China, und Dr. Brecht ­Geysenbergh, Belgien, stellten zwei randomisierte kontrollierte Studien (RCT) zum Vergleich natürlicher versus programmierter (= substituierter) Kryo­zyklen vor (O-185, O-186). Die Daten beider RCTs zeigten eine vergleichbare Lebendgeburtenrate (LBR) zwischen beiden Protokollen, jedoch in Übereinstimmung mit bisher publizierten Daten komplikationsärmere Schwangerschaften im natürlichen Zyklus. Dahinter stehen eine niedrigere Fehlgeburtenrate, weniger hypertensive Schwangerschaftserkrankungen und seltenere postpartale Blutungen.

Auch die individualisierte Progesteronapplikation („individualized luteal phase support“, ILPS) stand im Fokus einiger Beiträge. Die Studien untersuchten zum Beispiel, ob kombinierte Applikationen (z. B. vaginal + intramuskulär) die lutea­le Unterstützung verbessern können. Eine RCT aus Vietnam, präsentiert von Dr. Thi Minh Chau Le, zeigte eine Steigerung der Schwangerschaftsraten durch zusätzliche Gabe von intramuskulärem Progesteron (50 mg täglich), wenn ein Progesteron-Grenzwert von 10 ng/ml am Tag des Embryotransfers unterschritten wurde (O- 187). Demgegenüber präsentierte Prof. Dominic Stoop, Belgien, eine RCT, die unter Verwendung eines identischen Cut-Off keine Unterschiede in der Schwangerschaftsrate bei zusätzlicher Progesteron­gabe ab dem Transfertag ergab (O-188).

Angelo Alessandro Marino, Italien, stellte eine Meta-Analyse vor, die an verschiedenen Messzeitpunkten die Progesteron- und Estradiolwerte im Verlauf der Lutealphase nach dem Embryotransfer untersuchte (O-189). Marino zeigte, dass spätere Messzeitpunkte (mittluteal) besser mit dem Schwangerschaftserfolg korrelierten, als Messungen am Tag des Embryotransfers selbst.

Fazit: Diese RCTs unterstreichen die Vorteile des natürlichen Auftauzyklus verglichen mit dem programmierten Vorgehen. Die wissenschaftliche Diskussion fokussiert sich zunehmend auf die Optimierung der Abläufe beim natürlichen Zyklus (Progesterongabe, Applikationsform, Kriterien usw.). Vor dem Hintergrund der weltweit zunehmenden Auftauzyklusfrequenz handelt es sich um ein sehr relevantes Thema, das auch in zukünftigen Debatten einen hohen Stellenwert haben wird.

Innovative Protokolle: PPOS und Random-Start-Protokoll

Im Fokus dieser Session mit sechs Vorträgen (O-254 bis O-259) standen das PPOS-Protokoll und Random-Start-Protokolle, die den Stimulationsbeginn außer­halb der frühen Follikelphase ermöglichen. PPOS nutzt orales mikronisiertes Progesteron oder synthetische Gestagene zur Unterdrückung des endogenen LH-Anstiegs. Die Vorteile sind neben vergleichbarer MII-Oozytenzahlen und Embryoqualität – wie bei Antagonisten-Protokollen – die Patientenfreundlichkeit durch orale Einnahme, ein selteneres Monitoring und geringere Kosten. Random-Start-Protokolle ermöglichen dabei den Beginn der ovariellen Stimulation zu beliebigen Zeitpunkten im Zyklus. Sie zeigen vergleichbare Resultate bzgl. ovarieller Ausbeute, besonders bei Fertilitätserhalt oder zeitkritischen Indikationen. Unter dem Vorsitz von Prof. Christos Venetis, Griechenland, und Prof. Nathalie ­Massin, Frankreich, wurde in dieser Session deutlich, dass PPOS und Random-Start-Stimulation die Reproduktionsmedizin insgesamt flexibler und patientinnenfreundlicher machen. Insbesondere unter Zeitdruck oder bei spezifischen Indikationen wie Fertilitätserhalt kann flexibler vorgegangen werden.

Fazit: Die Technologien sind nach übereinstimmender Auffassung der Vortragenden ausgereift genug für den Routineeinsatz im Klinikalltag. Wenn auf einen Frischtransfer verzichtet werden kann, stellen PPOS-Protokolle eine beachtenswerte Therapiealternative für die Ge­winnung von Eizellen und Embryonen dar.

Vielfältige Anwendungen von Progesteron

In einem von der Besins Healthcare Germany GmbH gesponsorten Symposium erläuterten internationale Expertinnen und Experten die mittlerweile vielfältigen Einsatzmöglichkeiten von Progesteron innerhalb der assistierten Reproduktionstherapie (ART).

Der Vorsitzende Prof. Nick Macklon, Großbritannien, erläuterte, dass Progesteron als therapeutische Intervention viele Herausforderungen adressieren kann, die bei der Optimierung der ART entstehen. Die sich kontinuierlich erweiternde und vertiefende Studienlage zu Progesteron erfordert dabei eine intensive Auseinandersetzung mit den therapeutischen Möglichkeiten, um Patientinnen in der Praxis bestmöglich zu betreuen.

Dauer der Progesteron-­Exposition als wichtiger Faktor

Die unterschiedlichen Progesteron-Darreichungsformen (intramuskulär, subkutan oder vaginal) erfordern Effizienzver­gleiche zwischen den verschiedenen ­Applikationswegen. Dabei sollte das Studiendesign stets kritisch evaluiert ­werden, erklärte Prof. Human Fatemi, Vereinigte Arabische Emirate. Die Zeitdauer der Progesteron-Exposition ist nämlich ex­trem wichtig, um Effizienzvergleiche korrekt führen zu können. Dies wurde in den randomisierten klinischen Studien der letzten Jahre nicht immer beachtet.

Kohortenstudie zum Vergleich vaginaler Progesteron Präparate

Dr. Rima Dhillon-Smith, Großbritan­nien, stellte die größte retrospektive Kohortenstudie vor, die die zwei Hauptformen des mikronisierten vaginalen Progesterons (MVP) – Utrogestan® (vaginale Weichkapseln) und ­Cyclogest® (Vaginalzäpfchen) – hinsichtlich des klinischen Outcomes , der Lebendgeburtenrate (LBR), direkt miteinander verglich. Eingeschlossen waren Patientinnen mit IVF/ICSI- oder FET-Zyklen, bei denen ausschließlich die Vaginalkapseln oder -zäpfchen zur LPS eingesetzt wurden. Die Studie ergab eine konsistente Verbesserung der Schwangerschafts­ergebnisse unter Utrogestan® im Vergleich zu ­Cyclogest®, sowohl in IVF/ICSI- als auch in FET-­Zyklen. Dieser Effekt war unabhängig von Alter und BMI-Kategorie und bis zum dritten ART-Versuch zu beobachten. In der IVF/­ICSI-Gruppe war die LBR bei den Vaginalkapsel-Anwenderinnen signifikant höher als bei ­den Vaginalzäpfchen-Anwenderinnen (34,3 % vs. 27,8 %; adjustiertes Odds Ratio [aOR] = 1,28; 95 % Konfidenzintervall [KI]: 1,16–1,43; p < 0,001). Auch in der FET-Gruppe zeigte sich eine höhere LBR bei der Anwendung von Utrogestan® im Vergleich zu Cyclogest® (36,7 % vs. 32,9 %; aOR = 1,17; 95 % KI: 1,10–1,26; p < 0,001). Dhillon-Smith ergänzte, dass unterschiedliche Gewebeeffekte der Präparate die Ursache der gesehenen Effekte sein könnten. Die Pharmakokinetik und das Trägermedium könnten ebenfalls zu ­diesen Unterschieden beitragen.

Fazit: Das Symposium machte deutlich, dass das heutige Anwendungsportfolio von Progesteron sehr vielfältig geworden ist. Die retrospektiven, jedoch sehr umfangreichen Daten aus Großbritannien demonstrieren zudem, dass die Anwendung von vaginalen Progesteron-Weichkapseln einen Vorteil hinsichtlich der LBR bei Frisch- und Kryotransfers bieten kann.

Der „ESHRE 2025“ in Paris war erneut ein in vielen Bereichen hoch informatives und innovatives Event. Mit Spannung erwartet wird bereits das nächste ESHRE-Jahrestreffen, das vom 05. bis 08.07.2026 in London stattfinden wird.

Autor:

PD Dr. med Sören von Otte

Ambulanzzentrum des UKSH gGmbH

Universitäres MVZ Kiel für Spezialdia­gnostik und genetische Medizin

D-24105 Kiel, Arnold-Heller-Straße 3, Haus C

Weitere Informationen und verantwortlich für den Inhalt:

Besins Healthcare Germany GmbH

Mariendorfer Damm 3

D-12099 Berlin

www.besins-healthcare.de


 
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