Krause und Pachernegg
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Primäre Giftelimination
Mit der primären Giftelimination wird die Resorptionsminderung oder die Substanzentfernung vom Ort des Einwirkens (Haut, Schleimhaut, Gastrointestinaltrakt) angestrebt. Die Wahl der Methode hängt von der Expositionsart, den Eigenschaften des Giftstoffes, der eingenommenen Menge, der seit der Einnahme verstrichenen Zeit und dem klinischen Zustand des Patienten (Bewusstseinsgrad, Schutzreflexe, Darmmotilität etc.) ab.


Aktivkohle

Die Adsorptionsfähigkeit der Aktivkohle hängt von ihrer Oberflächeneigenschaft ab. Bei geeigneten Suspensionen sollte die Oberfläche 2000 bis 3000 m2/g betragen.

Indikationen
Die Indikation zur sofortigen Verabreichung ist stets gegeben, wenn an Aktivkohle adsorbierbare Substanzen in potentiell toxischen Dosen eingenommen wurden. Nach den bisherigen Erfahrungen erstreckt sich die optimale Wirksamkeit auf einen Zeitraum bis zu einer Stunde nach Ingestion, es ist jedoch fallweise auch nach längeren Zeiträumen ein gewisser Nutzen anzunehmen. Da die wirksame Kohledosis mindestens ein Zehnfaches der eingenommenen Dosis betragen sollte, ist der therapeutische Nutzen der Standarddosis gegenüber toxischen Ingestionsmengen bestimmter Arzneimittel wie Paracetamol, Mefenaminsäure oder Salicylaten fraglich. Durch repetitive Gabe kann auch die protrahierte Resorption bestimmter Arzneimittel sowie der enterohepatische bzw. enteroenterale Kreislauf einiger Substanzen unterbunden und damit wiederum die Elimination gefördert werden. Dazu zählen nach dem derzeitigen klinisch-toxikologischen Wissensstand Arzneimittel wie Carbamazepin, Chinin, Dapson, Phenobarbital und Theophyllin. Für Digitoxin, Digoxin, Disopyramid, Nadolol, Phenylbutazon, Phenytoin, Piroxicam und Sotalol gibt es positive Ergebnisse aus Studien an Probanden, die den therapeutischen Nutzen der repetitiven Aktivkohlegabe unterstützen. Die Methode wird allerdings nur für die stationäre Behandlung schwerer Vergiftungen mit prolongierter Symptomatik herangezogen.

Dosierung
Initiale Gabe: 0,5–1 g/kg KG
Repetitive Gabe: 3-stündlich 0,3 g/kg KG

Hinweise
  • Aktivkohle besitzt nicht allen Substanzen gegenüber ausreichendes Adsorptionsvermögen.
  • Kohletabletten erfüllen die Anforderungen nicht.
  • Gute Durchmischung der Suspension ist wichtig.
  • Die Gabe von Laxantien ist nicht erforderlich.
  • Eine eventuelle Sichtbehinderung hinsichtlich geplanter Endoskopie ist zu berücksichtigen.
  • Die Gabe von Aktivkohle vermindert die Wirkung gleichzeitig oral verabreichter spezifischer Antidota.
CAVE: Aspirationsgefahr bei bewusstseinsgetrübten Patienten – repetitive Gabe nur nach Intubation über Magensonde.


Induzierte Emesis

Diese Methode sowohl mit Sirupus ipecacuanhae als auch vor allem mit Kochsalz ist heute als obsolet zu betrachten.


Magenspülung

Die Magenspülung ist ein invasiver Eingriff mit unsicherer Effizienz und einer beträchtlichen Komplikationsrate (< 3 % Aspiration). Die Indikation ist daher nach strengen Kriterien zu stellen, und die Durchführung setzt unbedingt entsprechende Erfahrung voraus und erfolgt nur unter stationären Bedingungen.

Indikationen
Diese orientieren sich an der Substanz, der eingenommenen Menge und am klinischen Zustandsbild in Relation zum Ingestionszeitpunkt. Ingestion chemischer Substanzen in potenziell lebensbedrohlicher Dosis innerhalb einer Zeitspanne, die noch eine Elimination ausreichender Mengen aus dem Magen gewährleistet (ca. 1 Stunde), bzw. bei fehlender Wirksamkeit von Aktivkohle (z. B. gegenüber Schwermetallen) bzw. bei Kontraindikation für deren Verabreichung.

Kontraindikationen
  • Ingestion korrosiver Substanzen bei unbedeutender Systemtoxizität oder Verdacht auf Ösophagusoder Magenperforation
  • fehlende eindeutige Indikation
  • mangelnde technische Ausrüstung und Erfahrung
Durchführung
Die Behandlung erfolgt unter stationären Bedingungen in stabiler Seiten- oder Bauchlage bei leicht abwärts gekipptem Oberkörper. Bei komatösen Patienten und beeinträchtigtem Husten- und Würgereflex muss die Behandlung unter endotrachealer Intubation vorgenommen werden. Zur Beseitigung bradykarder Herzrhythmusstörungen ist Atropin bereitzuhalten und im Bedarfsfall in einer Dosis von 0,5 bis 1 mg i.v. zu verabreichen. Als Spülflüssigkeit empfiehlt sich Wasser oder bei Kindern vorzugsweise physiologische Kochsalzlösung mit einer Temperatur von etwa 37 °C. Pro Spülvorgang sollen etwa 3 ml/kg Körpergewicht unter einem hydrostatischen Druck von maximal 1 m Wassersäule instilliert und anschließend wieder abgehebert werden. Dieser Vorgang wird solange wiederholt, bis die Spülflüssigkeit klar und frei von sichtbaren Arzneimittelresten ist, wobei mit mindestens 10-20 l Flüssigkeit gespült werden sollte. Der Nutzen spezieller Spüllösungen mit Zusätzen von oralen Antidota ist fragwürdig und die Zubereitung zumeist mit erheblichem Zeitaufwand verbunden.

Hinweise
  • Magenspülung nur unter endotrachealer Intubation bei Koma, Aspirationsgefahr, organischen Lösungsmitteln, Petroldestillaten, schaumbildenden oder korrosiven Stoffen.
  • Das Lumen des Magenschlauches muss so weit sein, dass Tabletten oder Dragees etc. ungehindert passieren können (Kind: 9–12 mm, Erw.: 18 mm).
  • Bei Verdacht auf Ingestion größerer Mengen und Verklumpungstendenz: röntgenologische bzw. endoskopische Abklärung.
  • Aufgrund des beträchtlichen Komplikationsrisikos und einer äußerst limitierten Effizienz, die sehr von einer optimalen Technik abhängt, ist die Magenspülung nur unter stationären Bedingungen zulässig.
  • Abklemmung des Schlauches vor Entfernung, um Aspiration zurückfließender Spüllösung zu vermeiden.
  • Nach Abschluss der Spülung Instillation von Aktivkohle je nach Indikation.


Darmlavage

Diese Methode befindet sich seit Jahren im Experimentalstadium und es existiert nur rund ein Dutzend klinischer Studien, die auch keine eindeutige Bewertung zulassen. Daher wird hier auf die Darstellung näherer Details wie Indikationen, Kontraindikationen und Komplikationen verzichtet.



Hyperbare Oxygenation

Indikation
Schwere Kohlenmonoxyd-Vergiftung mit CO-Hb von über 25 % (Schwangere über 20 %) nach Behandlung mit 100%igem Sauerstoff oder bei Koma, Krämpfen, kardialer Ischämie, Arrhythmien. Die Behandlung muss jedoch innerhalb von ca. 6 Stunden nach Intoxikation erfolgen, um der normobaren Sauerstoffbehandlung wirkungsmäßig überlegen zu sein.



Spezifische orale Antidota

Oral verabreichte Adsorbentien und Chelatbildner, die die eingenommene Noxe entweder vor der Resorption im Gastrointestinaltrakt binden, unwirksam machen oder aber aufgrund spezifischer Wirkung die Toxizität herabsetzen.

Hinweise
Die gleichzeitige Gabe von Aktivkohle kann die Wirkung dieser Antidota reduzieren.

Indikationen
Orales Antidot Indikation
Calcium Fluoride
DMPS Schwermetalle
Ethanol Methanol, Ethylenglykol (Akutversorgung)
Methionin Paracetamol
N-Acetylcystein Paracetamol, chlorierte Kohlenwasserstoffe
 
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